Dienstag, 30. August 2016

In paga veritas

Komischerweise wurden gestern zur Abwechslung mal die Grashalme auf der Wiese platt getreten und nicht die Pflastersteine auf dem Marktplatz. Da ich zuhause noch nicht alle Arbeiten erledigt hatte, war mein Herr bereits vor mir aufgebrochen. Hafen, Brauerei, Schmiede, Gasthaus und der Marktplatz waren ausgestorben, stattdessen hatte sich unter dem großen Baum an der Trainingswiese eine kleine Menschenansammlung gebildet aus meinem Herrn, Brauereibesitzer, Schmied und Blumenverkäuferin sowie Sancari. So mit Grasflecken übersät wie mein Herr war, hatte er ein Extratraining absolviert, dieses nun aber beendet, um mit den anderen Freien über floristische Fragen zu fachsimpeln. 

Bei der Idee des Schmieds, wie man Blüten länger haltbar machen könnte, wurde übrigens erneut deutlich, dass er Besitzer eines Landsitzes ist, sich mit Blumen beschäftigt und mit Aufträgen im Metallhandwerk wohl nicht ausgelastet zu sein scheint. Die Blumenfrau gab zwar vor, für Einfälle dankbar zu sein, ging merkwürdigerweise jedoch überhaupt nicht auf den Vorschlag des Schmieds ein, sondern unterhielt sich stattdessen über die nicht vorhandene Schleierpflicht in irgendeiner Taharioase. Vermutlich ging es um die mit dem Emir, denn das Weib hatte vor kurzem doch erst einem Fremden ein Angebot für Blumendekorationen bei irgendeiner besonders bombastischen Feier dort unterbreitet. 

Ich hätte zwar meinen Senf zum Vorschlag des Schmieds in Sachen Blumenkonservierung zwar dazu geben können, doch steht mir dies ungefragt nicht zu und außerdem wollte ich den Genuss der wundervoll sanften Hand meines Herrn nicht wegen der Kommentierung von irgendwelchen Einfällen schmälern. Außerdem benahm sich der Schmied mal wieder dünnhäutig wie eine Jungfer und lief beleidigt davon, nachdem das Blumenweib die Aussage meines Herrn „Einfälle sind besser als Anfälle“ mit einem sicherlich nicht ernst gemeinten „…oder Abfälle“ ergänzt hatte. Seinen Vorschlag, dem Sensibelchen lieber gleich mit einer Entschuldigung hinterher zu laufen, damit er nicht auf die Idee kommt, für sie einen Kragen zu schmieden, setzte die Freie übrigens sogleich um.

Kaum war sie allerdings verschwunden, versuchte mein Herr um einen Paga zu wetten, dass der Schmied diese Frau trotzdem an die Kette legen wird. Er fand jedoch niemanden, der dagegen halten wollte. Außerdem hatte sich inzwischen der Kriegerbauer dazu gesellt, sichtlich irritiert darüber, dass doch erst Anfang der Hand war und nicht Mitte, also nicht der Tag des üblichen Waffentrainings der roten Kaste von Jorts Fähre. Nachdem alle Irritationen beseitigt waren, zog es die Freien ins Gasthaus, denn besonders für meinen Herrn und den Brauer war es natürlich wichtig, nach ihrem zusätzlichen Training Flüssigkeitsdefizite wieder auszugleichen.

Mein Herr bestellte diesmal einen Mix aus Kalana und Wasser. Allerdings mit dem interessanten Mischungsverhältnis 100% Kalana und 0% Wasser. Dieser Mix muss mir anscheinend ganz besonders gut gelungen sein, denn ich wurde von meinem schmunzelnden Herrn mit weiteren sehr sanften Berührungen belohnt, die mir natürlich wie immer durch und durch gingen und mich erschauern ließen. Leider eröffnete er den beiden anderen Kriegern dann, am Waldrand eine Rotte wilder Tarsk gesehen zu haben und fragte, ob sie Lust hätten, in einigen Tagen mit ihm auf die Jagd zu gehen. 

Mist, diese Viecher sind leider nicht nur eine gehörige Portion gefährlicher als Tarsks, sondern auch viel größer! Kein Wunder also, dass mir der Schreck in die Knochen fuhr und mein Herzschlag sich vor Panik gefährlich beschleunigte, während schreckliche Szenarien in meinem Kopf tobten. Zum Glück schaffte ich es, mit konzentriertem Ein- und Ausatmen den wilden Sturm in mir wieder unter Kontrolle zu bringen. Außerdem beschwichtigte mein Herr meine Ängste damit, dass nur die Hauer dieser Biester gefährlich sind und der Rest ansonsten quasi zahm… oder verharmloste er da womöglich etwas?

Egal, das Thema wurde eh mit dem Eintreffen der würfelnden Händlerin beendet, deren ungefragte Fragen mein Herr gleich bei der Begrüßung ahnte und beantwortete: „Nein, unser Sattler ist nicht da und nein, wir würfeln nicht mit dir.“ Doch danach erkundigte er sich, ob die Frau es sich mit der grünen Robe preislich inzwischen vielleicht anders überlegt hatte, denn 2 Silber waren dafür ja wirklich abenteuerlich. Merkwürdig, die Antwort des Weibs war eine äußerst irritierende Gegenfrage… ob der Gefährtin meines Herrn die grüne Robe denn gefallen hat und ob sie ihr passt. Häh? Wovon sprach diese Händlerin? Sie hatte das Teil doch wieder eingepackt, weil sie nicht auf den Preisvorschlag meines Herrn eingehen wollte!


Es folgte nun ein äußerst verwirrendes Hin und Her über „dagelassen oder mitgenommen“… „Scherz oder Ernst“, bei dem natürlich auch mir die Schuld in die Sandalen geschoben werden sollte, ich hätte das grüne Monstrum aus Stoff weggeräumt. Mein Herr blieb jedoch stur, zumal er die offensichtlich verschwundene Robe wirklich nicht gekauft hatte, bot aber an, dass er ganz fit in Mund zu Mund Beatmung ist, sollte das mittlerweile nach Luft japsende Weib tatsächlich in Ohnmacht fallen. Es endete schließlich mit der gekrächzten Bestellung: "Paga... ich brauche jetzt etwas Starkes!" Während das Rätseln weiterging, beeilte ich mich mit dem Getränk für die Händlerin, da sie inzwischen wahrscheinlich kurz davor war, in gefährliche Schnappatmung überzugehen. 

Mein Wunsch beim Anreichen ihrer Pagaschale lautete daher: „Herrin, möge dieser Paga Medizin für dein Gedächtnis sein, damit dir vielleicht wieder einfällt, wo du die Robe verloren hast.“ Die Unterstellung des Weibs, ich hätte die Robe beiseite geschafft… also gelogen, war natürlich eine bodenlose Frechheit, denn ich lüge nie! Doch dabei muss die Wirkung des Pagas eingesetzt haben, denn die Frau schwenkte plötzlich um und wollte meinen medizinischen Wunsch zu ihrem Getränk erneut hören, während mein Herr zu bedenken gab, dass der erste Paga manchmal nicht hilft. 

Der Blick, der nun mit dem Finger in meine Richtung Fuchtelnden veränderte sich, bis sie total begeistert herausplatzte: "Was kostet die Kleine, ich kaufe sie!" Mich an meinen Herrn klammernd, flehte ich die Priesterkönige lautlos um Hilfe an, da er sich nun offensichtlich interessiert erkundigte, was die Händlerin denn bereit sei, für mich auszugeben. Allerdings legte mein Herr gleichzeitig auch seinen Arm um mich, was sich total schön anfühlte, sodass ich mich wie eine zweite Haut an ihn schmiegte. 

Ganz hervorragend war übrigens das Timing von Sancari, die während der Verhandlungen über meinen Kaufpreis der Freien den Paganachschub servierte. Wie Wasser schüttete die Händlerin das hochprozentige Zeugs in sich hinein, schnappte danach allerdings auch gewaltig nach Luft und schien die Kontrolle über ihre Zunge jetzt nicht mehr wirklich zu haben. Undeutlich stammelte sie mich anvisierend etwas Unverständliches über Wunschsklavinnen, bis auf einmal doch erstaunlich klar zu hören war: "Der Wunsch ist in Erfüllung gegangen."

„Ach, das Gedächtnis ist wieder da“, stellte der Kriegerbauer fest, der offensichtlich als erstes kapierte… ich war ja nicht verkauft worden! Das Weib ergänzte noch „…und die Robe auch“, sodass nun auch meinem Herrn ein Licht aufging und er nachhakte, wo jenes Kleidungsstück denn nun ist. Überdeutlich angeschickert vom Paga stellte die Händlerin bestens gelaunt, kichernd klar: „Verkauhauuuft“. 

Tja… „in paga veritas“, kam dazu trocken vom Bauern, eine Bemerkung die zutreffender nicht sein konnte…im Paga liegt Wahrheit. ;-)

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