Sonntag, 28. August 2016

Niemand ist unersetzlich

…und eine Kajira sowieso nicht.

Nachdem mein Herr einige unfassbare Gedanken wieder verworfen hatte, brauchte er frische Luft. Er hatte doch tatsächlich laut über die nachträgliche Erhöhung des Preises für die vor kurzem von dem Fremden bestellten Kalanafässer nachgedacht! Für mich unfassbar… er wollte im Nachhinein nicht mehr dazu stehen, was er vereinbart hatte und sein Wort brechen? Mich einzumischen stand mir zwar nicht zu, zumal seine Gefährtin merkwürdigerweise keine Meinung zu diesen Überlegungen zu haben schien, doch konnte ich mir meinen entsetzten Hinweis einfach nicht verkneifen. Mein Herr nahm ihn mir zum Glück nicht krumm, sondern schwenkte tatsächlich ein, will jedoch bei nächster Gelegenheit in Sachen Kalanaverkauf ein grundsätzliches Gespräch mit dem leider ständig auf Reisen befindlichen Händler führen.


Danach war also Frischluft angesagt, allerdings ging es nicht wie sonst sofort in die Unterstadt, sondern in die entgegengesetzte Richtung, nämlich zum Brunnen, wo merkwürdige Geräusche zu hören waren... der sich schon länger äußerst wunderlich benehmende Schmied nahm dort ein Bad gegen seinen offensichtlich gewaltigen Alkoholrausch. Aha, anscheinend war diese Diagnose nur für mich offensichtlich, die grüne Kaste erkundigte sich lieber erst einmal bei meinem Herrn, was denn mit dem Schmied los ist. Doch der vermutete breit grinsend ebenfalls Alkohol als Ursache oder alternativ, dass der Tarn dem Schmied am Vortag auf den Kopf gefallen sein muss und dort einen Dachschaden verursacht hatte.

Letztendlich stellte sich heraus, der Herr hatte seinen Sieg über diesen gefährlichen Raubvogel anscheinend ausgiebig gefeiert und war tatsächlich besoffen… eigentlich nicht wirklich etwas Neues. Jedes Hilfsangebot lehnte er jedoch ab und wollte weder Unterstützung von grüner Seite, wobei auf ein solches Angebot vermutlich nach fachkundigem Blick sowieso verzichtet worden war, noch wollte er die kraulenden Hände einer Kajira in Anspruch nehmen. Sechs kam um ihren rotseidenen Einsatz also herum, zumindest vorerst. So verklärt, wie sie den Badenden allerdings musterte und besonders, als er nackt aus dem Brunnen stieg, schien wohl doch sowas wie Sklavenfeuer in ihr zu schwelen, wenn auch auf niedrigster Sparflamme, denn sie erweckt ja ständig den Eindruck, von weißer Seide zu sein.


Leider interessierte mein Herr sich jetzt ernsthaft dafür, ob der Schmied vor dem Besäufnis seinen erlegten Tarn beseitigt hatte und befahl mir nachzuschauen. Ausgerechnet neben dem Haus meines verschollenen Herrn sollte der große Vogel von den Pfeilen getroffen abgestürzt sein. Kein Wunder also, dass ich mit doppelt beklommenem Gefühl dort hinlief. Zum einen, meide ich dieses Haus möglichst, weil immer noch unbeschreibliche Trauer wie eine eisige Hand mein Kajiraherz umschließt, wenn ich mein ehemaliges, leer stehendes Zuhause erblicke, in dem ich eine wirklich wundervolle Zeit meines Lebens auf Gor verbringen durfte.

Außerdem befürchtete ich, dass mein Herr mir unbeabsichtigt ein paar Federn des Tarn geschenkt haben könnte, die zufällig nicht die typische rötliche Färbung von Carolus' Gefieder gehabt hatten und der Schmied womöglich doch den Tarn meines verschollenen Herrn abgeschossen hatte? Meine dritte Befürchtung drehte sich um die Entsorgung des toten Tarn, die sich leider bestätigte. Der besoffene Schmied war inzwischen ebenfalls beim Kadaver aufgetaucht, sodass Sechs die Aufgabe zukam, den Kerl nach Hause zu begleiten, damit er sich nicht noch lächerlicher machte, als es ihm eh schon gelungen war. Inwieweit sie meinem Befehl nachkam ihn zu bezirzen, entzieht sich jedoch meiner Kenntnis.


Ich vermute, der Betrunkene hatte sowieso sämtliche männlichen Körperreaktionen ersäuft, sodass er in seinem Alkoholglimmer eh keine Bedürfnisse mehr hatte, bei deren Befriedigung ihm eine Kajira mit Hingabe und Sklavenfeuer dienen konnte und ihr lediglich blieb, dafür zu sorgen, dass er nicht an seinem Erbrochenem erstickte. Blöd für Sancari war an diesem Tag, leider zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort aufgetaucht zu sein. Sie konnte jetzt zwar mit der Information, dass der Schmied einen Tarn erlegt hatte, ihre Wissbegier stillen, allerdings kam ihr nun zusammen mit mir die entsetzliche Aufgabe zu, uns um das Zerlegen des Tarnkadavers zu kümmern.

Mein Herr wollte nämlich die Innereien für Fenris haben... für mich unverständlich, wie so manches bei der Haltung dieses Tiers sowieso, aber darüber halte ich lieber meine Klappe. Viel, viel schlimmer war, ich erkannte, dass ich an diesem Tag wahrscheinlich etwas tun würde, was mir mein ganzes Leben auf Gor noch nie passiert war. Ich habe mich in meiner goreanischen Vergangenheit wirklich stets sehr bemüht und es mit Anleitung und Geduld irgendwie immer geschafft, meine jeweiligen Besitzer zu erfreuen, indem ich ihre Befehle ausführte, auch wenn sie unbequem waren oder ich glaubte, die gestellte Aufgabe nicht zu schaffen. 

Bei meinem jetzigen Herrn ist es leider jedoch anders. Erstens fordert er Dinge von mir, die wirklich nicht mal ansatzweise meiner Natur entsprechen, die mir außerdem noch nie jemand gezeigt und erklärt hat und die meinen Magen einfach unbeherrschbar rebellieren lassen, ganz abgesehen von meinen gummiartigen Knien.

Schon bei der Jagd seinerzeit und jetzt erneut bei dieser Kadaverentsorgung stellte mein Herr Erwartungen an mich, die ich mangels Kenntnissen und vor allem mangels Eignung einfach nicht erfüllen konnte.

Sancari ging es ähnlich, sodass wir für die Beschaffung des Fasses für die Innereien sowie Seilen und Stangen zum Umdrehen des riesigen Vogels ziemlich viel Zeit benötigten. 

Schließlich traf ich jedoch eine Entscheidung, nach der mir tatsächlich etwas besser wurde, auch wenn sie mit ziemlicher Sicherheit meinen Tod bedeutete... mich meinem Herrn zu widersetzen und in den Vosk zu springen, falls er mich nicht vor Wut gleich auf der Stelle tötete. Ich weiß nicht, ob der Anblick meines ehemaligen Zuhauses dabei eine Rolle spielte oder der fehlende Beistand der Gnädigsten, die nur an sich denkend eilig das Weite suchte, als klar wurde, dass Sancari und ich den riesigen Tarnkadaver zerlegen und entsorgen sollten. Diesen Anblick wollte sie sich nämlich ersparen.

Es war letztendlich aber auch egal, ob es mich gibt oder nicht, denn ich bin nicht unersetzlich und eh nur eine irgendwann aufgesammelte, für meinen Herrn bestimmt nicht so wichtige Kajira. Mein Entschluss stand also fest und damit es schnell geht, hatte ich mir das steile Ufer vor dem früheren Haus des Tischlers ausgesucht, denn nach meinem Sprung von dort in den Vosk würde ich sofort von den Stromschnellen erfasst werden, falls ich nicht bereits unten auf die Felsen prallen und zu Tode kommen sollte. 

Doch es kam anders. Die Kriegertunika meines Herrn sah bei unserer Rückkehr total blutbeschmiert und echt wie Tarsk aus, was bei der roten Farbe aber kaum auffiel. Er hatte den Kadaver nämlich bereits ausgenommen und kippte nicht mich, sondern den Tarn den Hang hinunter in die reißende Strömung des Vosk, bevor er wütend brummte: „Mädchen, ich höre!“

Trotz Räusperns brachte ich nur klägliches Piepsen zustande und erkundigte mich, ob er möchte, dass ich gleich hinterher springe oder ob er sich meiner lieber auf andere Art entledigen will. Ich erwähnte vermutlich auch, dass ich nicht vergessen hatte, mich auf dem Marktplatz von einigen Freien zu verabschieden und dass ich Sechs aufgetragen hatte, meinem Herrn gut zu dienen und Sancaris Herrn zu erzählen, welches Schicksal seine Kajira ereilt hatte.

„Dita… was heißt verabschiedet… du redest undeutlich. Also was ist los, das ist doch nur ein toter Tarn!“ Sancari brach inzwischen vor Erleichterung in hysterisches Gelächter aus, denn sie wollte mit mir springen und ich schaffte es kaum noch gegen meine Tränen anzukämpfen, während auch mir langsam einiges klar wurde. Weil mein Herr den Kadaver inzwischen selbst entsorgt hatte, würde es nicht mehr zu meiner Befehlsverweigerung gekommen!

Naja, oder noch nicht? Hoffentlich enttäusche ich ihn nicht… er will demnächst nämlich im Wald auf die Jagd gehen.

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