Mittwoch, 24. August 2016

Verloren

Da meinen Herrn ein Kajirawunsch nicht interessiert, erteilte er Sechs gerade eine kleine Abfuhr, als sich der Schmied dazu gesellte. Tja, nur irgendwie doof, dass er sich jetzt zwar erinnerte, er wollte den Herrn etwas fragen, nur war ihm der Grund seiner Frage leider entfallen. Erneut zeigte sich, wie wenig es ihm nützt, wenn er mir lediglich das Erinnern aufträgt, jedoch nicht erzählt, worum es geht. Zum Glück fiel ihm dann aber ein, dass er sich nach dem Bestand an Schwertern und Pfeilspitzen erkundigen wollte, weil die Kriegsgefahr immer noch nicht beseitigt ist und der Schmied seit einiger Zeit äußerst merkwürdige Anwandlungen hat und ständig von neuen Aufgaben und dem Sulanbau auf seinem Landsitz spricht.

Nachdem alle Fragen über Waffenvorräte für die rote Kaste und die Fallen zur Tarnjagd geklärt waren, ging es erneut um das Opfer des Schmieds an die Priesterkönige am Vortag und dass er ein totes Tabuk im Gasthaus mit dem Hinweis deponiert hatte, dass die Kajirae sich um die Verarbeitung des Viechs kümmern sollen, damit es nicht vergammelt. Ich fühlte mich damit allerdings nicht angesprochen, da ich eh schon beim Bedienen der kajiraelosen Freien auf der Gasthausterrasse zusammen mit Laya reichlich zu tun hatte und außerdem mein Herr draußen saß, sodass ich annahm, der Schmied sprach von seinen eigenen Kajirae. Eine Sklavin muss zwar Befehle von jedem Freien ausführen, doch wenn ihr Besitzer anwesend ist, sieht das anders aus… dachte ich.

Oha, hätte ich geahnt, was noch auf mich zukommen würde, hätte ich mir die rote Blüte, die der Schmied mir geschenkt und die ich über Nacht ins Wasser gestellt hatte, nicht erneut ins Haar gesteckt und ihn mit Sicherheit auch nicht mehr so dankbar oder vermutlich gar nicht mehr angelächelt. Aber es herrschte sowieso eine merkwürdige Stimmung vor der Taverne. Der sonst eigentlich immer sehr freundliche Brauereibesitzer war irgendwie schlecht gelaunt, obwohl San sich wirklich größte Mühe gab, seine Nackenverspannungen mit sanften Händen zu lösen. Kurz angebunden brummte er genervt, er habe keine Fässer mit Paga zweiter Wahl und bekam er von der Feilscherei meines Herrn angeblich Kopfschmerzen.

Während ich mich inzwischen in der Taverne um etwas zum Knabbern für meinen Herrn kümmerte, was wegen der Dauerabwesenheit des Tavernenpächters und seiner Kajira mangels frischer Lebensmittel ein erst schwieriges Unterfangen war, bis ich schließlich den geräucherten Schinken entdeckte, einigten sich die beiden Männer nach einem letzten mürrischen „zahl ihn oder lass es“ des Brauers doch noch auf den genannten Preis. Mein Herr gab nämlich nach und legte die verlangten Münzen für 6 Fässer Paga mit finsterer Miene auf den Tisch. Wie gut, dass ihm die mundgerecht geschnittenen Schinkenscheiben zusagten und vielleicht das Gebrummel des Brauereikriegers vergessen ließen. Außerdem tauchte Hadi jetzt auf, sodass er bei ihr gleich Nachschub an geräuchertem Schinken bestellte.


Leider fiel dem Schmied beim Anblick des Schinkentellers erneut das Tabuk in der Gasthausküche ein und mein Herr erkundigte sich, ob ich mich darum gekümmert hatte. Wieso ich? Ich fand seine Frage unlogisch… warum sollte ich für Gasthausangelegenheiten zuständig sein, zumal ich ja schon ständig dort beim Servieren aushelfe und mein Magen bei einer solch oberekeligen Arbeit wirklich rebelliert, die mir noch nie jemmand gezeigt hat und die ich auch nicht lernen möchte! Ich bin keine Überkajira, die alles kann und sehe meine Aufgaben vorrangig darin, mich um meinen Herrn und seinen Haushalt zu kümmern, zu dem ja auch seine Viecher gehören. Beim oberfiesen Geruch aus dem Ekelfass mit Fleischvorräten für seinen Sleen bin ich jedes Mal dankbar, dass ich so gut tauchen und wirklich lange die Luft anhalten kann!

Wahrscheinlich erinnerte mein Herr nicht mehr, dass ich vor langer Zeit meinen Mageninhalt der Botanik widmen musste, als er damals seine Kajira im Zerteilen und Ausnehmen eines kleinen, langohrigen Viechs unterrichtete… meine frühere Herrin fand nämlich meine Teilnahme an der Lektion leider wichtig. Wie bereits erwähnt, war für mich beim Tabuk des Schmieds jedoch klar, dass seine Kajirae das Tier verarbeiten würden. „Ich schicke die doch nicht vom Landsitz alleine her… sind doch keine Wandersklavinnen!“ empörte sich der Tabukjäger nun auf meinen Hinweis, sodass mein Herr befahl: „Dita, kümmert euch… nicht dass der Hirsch anfängt zu stinken!“ Na toll, ich hatte verloren.

Um mir nicht anmerken zu lassen, was in mir vorging, holte ich zur Beruhigung noch einmal ganz besonders tief Luft, die ich dann extrem langsam wieder entweichen ließ, bevor ich mit neutralem Tonfall ungläubig nachfragte: "Mein Herr, du wünschst, dass ich mich um das Zerlegen dieses Tiers im Gasthaus kümmere und zwar jetzt sofort?" Seine Antwort wurde von einem weiteren Kopfpatscher begleitet: „Nein Dita, morgen tagsüber. Die Innereien kommen gleich für Fenris ins Fass… und alles was so an Resten da ist.“ Der Schmied behauptete prompt noch besserwisserisch, dass am nächsten Tag das ganze Viech reif fürs Fass sei, doch darauf ging mein Herr nicht weiter ein. 

In meinen Bemühungen, bloß nicht die Beherrschung zu verlieren und mir jegliche Erwiderungen zu verkneifen, die einer Kajira nicht zustehen, versteinerten meine Gesichtszüge zunehmend, sodass ich schnell meinen Kopf senkte, denn nach „erfreuen“ sah ich bestimmt nicht aus und war mir in Sachen Tabuk auch nicht mal ansatzweise zumute. Entsprechend leise bedankte ich mich auch nur, als mein Herr mir nun ein kleines Stückchen Schinken vor den Mund hielt. Um mir nichts anmerken zu lassen aß ich es zwar, Genuss war bei dieser Köstlichkeit jedoch nicht zu spüren, da der Gedanke an das Zerlegen des Tabuks mich fast rückwärts essen ließ. Gleichzeitig puhlte ich mir die schöne Blüte aus dem Haar und drehte sie in meinen Fingern hin und her, denn sie war ja ein Geschenk dieses Freien gewesen, der mir den Sch… mit dem Tabuk eingebrockt hatte.

„Dita, die Blume hat nichts abbekommen… ich kann nämlich patschen, hehe“ machte sich mein Herr nun lustig über mich und verpasste mir gleich den nächsten Kopfditscher, unter dem ich zusammenzuckte und die Blüte endgültig in meiner Hand zerdrückte. Erstaunlicherweise schien er nun zu bemerken, dass irgendetwas mit mir los war, hatte aber anscheinend keinen blassen Schimmer davon, was es mit der Blüte auf sich hatte und erlaubte mir jetzt, mir öfter eine Blüte ins Haar zu stecken, wenn ich mag… allerdings nur solche, die in seinem Garten wachsen. Mit meiner leisen Antwort „ja mein Herr, mach ich gerne… wenn dir das gefällt“ gelang es mir anscheinend ganz gut, erneut nicht zu zeigen, was in mir vorging.

Schließlich verabschiedete sich der Tabukjäger in Richtung seines Landsitzes, sodass ich nun den Zeitpunkt gekommen sah, mir endlich mit der Entsorgung der roten Blüte Luft zu machen. Ich warf sie im hohen Bogen einfach ins Hafenbecken und fühlte mich danach tatsächlich etwas besser, obwohl ich ja ursprünglich ganz verliebt in diese Blume gewesen war, die so schöne Erinnerungen in mir aufkeimen ließ, die allerdings niemanden interessieren. „Dita? Was ist mit der Blume?“ Mist, meinem Herrn war mein Tun natürlich nicht entgangen, sodass ich mich nun beeilte zu stammeln: „Sie… ähmm... sie war… naja, war nichts mehr, mein Herr.“ 

Wie gut, dass Hadi sich ebenfalls eine Blüte ins Haar gesteckt hatte, auf der mein Herr nun probeweise herumpatschte und somit von mir abgelenkt war, bis er schmunzelnd meinte: „Dita, du bist auch ohne Blume meine kleine Dita.“ Damit ließ er das Thema auf sich beruhen und unterhielt sich mit dem Sattler, der wegen seines Würfelpechs anscheinend Aufmunterung brauchte, über lustige Bräuche in der Tahari, die auch mich schließlich etwas auf andere Gedanken brachten und ablenkten… naja, kurzfristig.

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