Mittwoch, 14. September 2016

Empfangsdienst

Mein Herr war zu einem Rundgang Richtung Unterstadt aufgebrochen. Da am Hafen jedoch alles ruhig war und niemand zu sehen, lief ich zum Marktplatz weiter, weil ich dort den Händler entdeckte. Ich vermute, ein Krieger hätte mein Herannahen trotz meiner leisen Schritte gehört, doch dieser Herr war bei meinem Gruß offensichtlich sehr überrascht: „Huch Dina, wo kommst du denn auf einmal her?“ Zum Glück nahm er mir mein fast lautloses Annähern nicht krumm und teilte mir mit, mein Herr sei mit Fremden auf der Gasthausterrasse und komme seiner Aufgabe als Empfangsdienst für Besucher nach, was ja gelegentlich zu den Pflichten eines Kriegers gehört.

Da der Händler offensichtlich keine Lust verspürte, sich dazu zu gesellen oder vielleicht seinen Paga nicht bei der Konkurrenz trinken wollte, sondern lieber in der von ihm gepachteten Hafentaverne, beeilte ich mich, zu meinem Herrn zu kommen und ihn beim Empfangen der Gäste zu unterstützen. Die Wirtin war nämlich wieder unsichtbar, sodass es möglicherweise Bedarf an Bedienung gab, obwohl die Fremden eine Kajira dabei hatten. Bei meinem Eintreffen lehnte mein Herr übrigens gerade das von dem fremden Mädchen angebotene Wasser ab und bestellte stattdessen lieber bei mir einen Kalana, den ich ihm im bevorzugten Mischungsverhältnis aus 100% Kalana und 0 % Wasser eilig servierte.


Übrigens vermute ich, sein Hinweis an die Sklavin „Wasser ist viel zu gesund“, war nur vorgeschoben… die Kajira bot ihm nämlich kein frisches aus den Tiefen der jortsschen Brunnen an, sondern von den Wasservorräten, die die Fremden auf ihrer Reise mitführten. Nach ihrer Begründung, sie kenne sich im Gasthaus nicht aus und bedaure ihm daher nichts anderes anbieten zu können, wurde sie dann auch gleich von ihrem Herrn zurückgepfiffen… klar, woran soll eine fremde Kajira in unbekannter Umgebung auch ein Paga- oder Kalanafass erkennen? Ich war also genau zum richtigen Zeitpunkt aufgetaucht und mein Herr musste nicht dursten.

Die Besucher hatten übrigens keinerlei Anliegen, wollten offensichtlich nur kurz die Sitzkissen im jortsschen Gasthaus platt sitzen und erzählten, ihr Besuch habe sich auf der Reise ganz zufällig ergeben. Woher die Fremden stammten, bekam ich allerdings nicht mit. Mein Herr hatte den Namen ihres Dorfes mit „E“ vor meinem Eintreffen zwar erfahren, aber sofort auch wieder vergessen, da er es mit Namen nun mal nicht so hat. Vermutlich den Anstrengungen der Reise geschuldet, verlief das Gespräch etwas schleppend, dennoch erfuhren wir, dass es sich um eine Pilgerreise der Frau handelte und der Mann nicht ihr Gefährte war, sondern ihr Bewacher.

Natürlich war es bedauerlich, dass kein Gesuch für ein Handels- oder Schutzabkommen der Anlass für den Zwischenstopp war, aber was nicht ist kann ja noch werden. Mit einigem Nachpuhlen war noch zu erfahren, das Besondere an der Stadt mit „E“ ist anscheinend die Gemütlichkeit dort, der Markt und dass Kalanatrauben nicht gestampft, sondern gepresst werden, weil zum Stampfen wohl nicht genügend Sklaven zur Verfügung stehen. Letztendlich brachen Fremden aber beizeiten wieder auf, weil die Freie in einem Dorf namens Halin eine Heilerin besuchen wollte und ihr Bewacher irgendwelchen Waldweibern anscheinend eine Eisenlieferung zugesagt hatte.

Puhhh, erst nach dem Verabschieden dieser offensichtlich ziemlich erschöpften und daher vermutlich so wortkargen Besucher wurde mir klar, welch peinlicher Fehler mir passiert war… ich hatte zuvor nämlich nicht mitbekommen, dass es sich bei der Freien um eine Tatrix handelte oder sie von ihrem Bewacher zumindest so genannt wurde, und beim Grüßen nicht die gebotene Hierarchie eingehalten. Doch dem Weib war das zum Glück nicht aufgestoßen und mein Herr sah es als unwichtig an, mich darauf hinzuweisen… und nur das zählte natürlich für mich. 

Wie gut, dass man Reisende nicht aufhalten soll… einem herrlichen Abend, eng an meinen Herrn geschmiegt, stand nun also nichts mehr im Wege. Ich ja sowieso nicht, aber auch mein Herr fand es nicht schlimm, dass keine weiteren Gäste mehr eintrafen und er die Ruhe genießen konnte, um sich von den Besuchern zu erholen. Dabei zog er mich mit seinem starken Kriegerarm wundervoll eng an sich und meinte: „Anschmiegen ist niemals verkehrt, Dita, wärmt so auch viel besser“. Schade nur, dass wir nicht zuhause oder in der Taverne waren, sondern auf der Gasthausterrasse, ich mich also freie Frauen schicklich benehmen musste, da ein Mitglied dieser Spezies leider jederzeit noch auftauchen konnte.

Ich erinnere nicht mehr, wie wir darauf kamen, uns über Strandgut zu unterhalten, Im Finden angeschwemmter, noch brauchbarer Sachen bin ich jedenfalls nicht ganz ungeschickt und habe auf Samanu seinerzeit ja sogar mal eine Massagebank gefunden. Obwohl dies inzwischen sehr viele Märkte her ist, fiel mir beim Erwähnen dieses hölzernen Fundstücks prompt wieder ein, wie schnell ich mich trotz… oder nee… wegen meiner sanft massierenden Hände damals plötzlich im Hafenkennel wiederfand. Ich werde wohl nie vergessen, dass meine damalige, stets auf ihren guten Ruf bedachte, oberehrbare, superzüchtige Herrin in ihrer Wut über mein Benehmen total vergaß, sich anzukleiden… hat außer mir aber niemand gesehen. ;-))

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