Dienstag, 13. September 2016

In der Kürze

…liegt nicht die Würze, wenn ich von einem Jagdausflug erzählen soll, bei dem ich fast Auge in Auge mit einem gefährlichen Monster gewesen bin und vermutlich kurz davor, auf den Speiseplan dieses Kolosses von Tarsk-Eber zu geraten, denn ich neige manchmal zum Abschweifen, wenn ich mich erst einmal in Fahrt gesabbelt habe. So ein Tag war gestern jedenfalls, obwohl ich mich eigentlich lieber schnell verdrücken wollte, weil mein Herr sich mit seiner Gefährtin über mein heldenhaftes Zerlegen des Ungetüms unterhielt und behauptete, ich hätte mir dabei vor Angst fast in die Tunika gemacht. Komisch, das erinnerte ich nicht mehr… ok, oder vielleicht doch noch ein bisschen, denn Dinge, die mir sehr zuwider sind, versuche ich lieber möglichst schnell zu vergessen.

Die beiden entdeckten mich jedoch, bevor ich mich leise die Treppe herunterschleichen konnte und mein Herr forderte mich auf: „Dita, beschreibe mal das Tarsk, das wir auf unserem Jagdausflug erwischt haben!“ Args… nur das Monster beschreiben und nicht, was ich hinterher noch Ekeliges mit dem Biest machen musste?! So ganz mochte ich daran nicht glauben und entschloss mich daher, zur Ablenkung weiter auszuholen und vor dem fiesen Finale noch ein wenig Zeit zu schinden. Vielleicht kamen zwischendurch ja sogar Gelüste zu einem Spaziergang auf und ich um eine Schilderung der Verarbeitung der Beute herum? 

Entsprechend tief holte ich also Luft und erzählte von der Schwerstarbeit im Wald, dieses Eber-Viech überhaupt zu finden… wie lange wir kreuz und quer durch den Wald geschlichen sind… geduckt, ich als Spürkajira immer vorweg mit gespitzten Ohren… die Augen links und rechts in der Hoffnung, eine mögliche Beute zu entdecken, bevor sie uns aufspürt. Ich gestand der Gnädigsten aber auch, wie gefrustet ich irgendwann war, nachdem mir die Sucherei schließlich immer aussichtsloser schien und weil es mir einfach nicht gelang, meinen Herrn von seinem Jagdeifer abzubringen… weder mit dem Hinweis auf die tief im Wald irgendwo entdeckten hübschen Blumen, noch mit aufreizendem Herausstrecken und Wackeln meines Hinterteils direkt vor seinen Augen. 

Ok, mein Ablenkungsmanöver mit der über den Po hochgerutschten Tunika hätte ich nicht erwähnen brauchen… sowas kann eine freie Frau eh nicht nachvollziehen, zumal mein Herr ja leider total auf die Jagd gepolt gewesen war und stur sonst wo hinschaute, um vielleicht ein Tabuk oder Tarsk zu entdecken, aber nicht auf meinen Allerwertesten. Irgendwann hatte ich mich richtig in Fahrt gesabbelt, kam aber trotz diverser Ausschmückungen zum Höhepunkt meiner Geschichte: „…und dann, meine Herrin, auf einmal… knack... ein Schnaufen... und noch ein Knacken war zu hören! Wir blieben stehen und schauten uns um… sahen schließlich den furchterregenden Koloss von Tarsk!!“

So gebannt wie die Gnädigste bei meinem Bericht an meinen Lippen hing, konnte ich mir übrigens abschminken, dass sie in absehbarer Zeit Gelüste zum Auslüften bekam, sodass ich weiter erzählte: „Also zack… schnell, aber lautlos und selbstverständlich tief geduckt, um nicht von dem Ungeheuer entdeckt zu werden, sind wir erst mal hinter einen Baum… das Biest von gigantischem Ausmaß hatte uns tatsächlich noch nicht bemerkt!!“ Zur Verdeutlichung fuchtelte ich selbstverständlich ausladend mit meinen Armen herum, damit die Frau wenigstens ansatzweise eine Vorstellung von der gewaltigen Größe des gefährlichen Monsters bekam, seinen wie Kornbüschel am Rücken hochstehenden Fellborsten und den riesigen Hauern, die aus seinem wütend schnaubenden Maul heraus ragten. 

Die danach folgende Schilderung der Heldentat meines Herrn, als der Bolzen seiner Armbrust nach sirrendem Zissschhhhhhhh wie ein Zahnstocher in dem Tarsk stecken blieb und wie er das auf uns zustürmende Biest dann mit seinem Speer erlegte, verkneife ich mir jetzt aber, denn darüber habe ich mich hier schon an anderer Stelle ausgelassen. 

Nachdem ich mich nach meinen Schilderungen wieder einigermaßen beruhigt hatte… erschauernd hatte ich beim Erzählen die Gefahr nämlich erneut durchlebt und mein Körper war komplett mit einer Vulohaut überzogen… sprach die Gnädigste leider doch noch das Zerlegen der Beute an, doch das tat ich mit wenigen Sätzen einfach ab und erwähnte statt weiterer Details, wie es mir letztendlich gelungen war, meinen Herrn davon zu überzeugen, das noch warme, blutige Herz des Tarsks nicht essen zu müssen. Meine Vermutung bestätigte sich umgehend… die Grüne schüttelte sich jetzt angeekelt und sah meinen Herrn äußerst pikiert an. Glück bringen und Tradition hin oder her, das Jagdthema war danach endlich durch und es ging vor die Tür.


Fast alle Bewohner waren an diesem Tag offensichtlich jedoch zuhause geblieben. Am Hafen trafen wir allerdings den Händler, der vor unserem Eintreffen anscheinend schon kurz davor gewesen war, sich bei der Wache zu erkundigen, ob irgendein Notstand ausgerufen wurde, den er nicht mitbekommen hatte. Das großzügige Fleischgeschenk meines Herrn an die Taverne hatte er jedoch mitbekommen und gegen einen Paga hatte er selbstverständlich sowieso nichts einzuwenden, allerdings musste es einer im Stehen sein, weil sich Hinsetzen wegen der vorgerückten Ahn angeblich nicht mehr lohnte. Um ein wenig Frust loszuwerden und zum Dozieren reichte die Zeit aber dennoch.

Während ich zwei Paga ohne Berg, dafür so voll geschenkt, wie es Trinkschale und Becher zuließen, zusammen mit dem Wasser für die Gnädigste nach draußen balancierte, erwähnte der Händler irgendwelches Gemecker über verschwundene Bewohner, eine angebliche Blumenhändlerin und eine Möchtegernschreiberin. Oha, jetzt wurde die Gnädigste aktiv und hinterfragte die Formulierung „angebliche Blumenhändlerin“, ahnte dabei aber bestimmt nicht, dass der Händler nun über gärtnernde Blumenverkäufer dozieren würde, die in seiner Händlerkaste nichts zu suchen haben. „Wir Händler würden nie, wirklich niemals, Dinge herstellen, um sie zu verkaufen! Wir kaufen und verkaufen, aber wir produzieren nicht. Das ist gegen den Kodex!“

Hmmm, das leuchtete mir ein. Bei dem nun folgenden Gespräch über den Unterschied zwischen Fischern und Fischhändlern oder dass ein Mann nicht zum Krieger wird, nur weil er ein Schwert trägt, habe ich selbstverständlich meine Klappe gehalten, aber auch sehr bedauert, dass nicht zur Sprache kam, wie dieser den Händlerkodex so gut beherrschende Herr es denn sieht, wenn eine Angehörige des Heimsteins… ich glaube, sie ist sogar Mitglied der Händlerkaste von Jorts Fähre… sich Händlerin nennt, obwohl sie Badeöle, Seifen, Kerzen und was weiß ich noch herstellt. Aber egal, das alles geht eine Kajira natürlich nichts an und war für mich daher auch vollkommen bedeutungslos. 

Eine sehr große Bedeutung für mich hatte jedoch, dass mein Herr später zuhause seine Zufriedenheit über meine Schilderung unseres Jagdausflugs äußerte: „Na, Dita... Geschichten erzählen kannst du gut.“ Seine Worte haben mich echt riesig gefreut, obwohl mein Bericht ja nichts mit Kreativität zu tun hatte, die mir nun mal leider gänzlich fehlt. ;-)

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