Mittwoch, 19. Oktober 2016

Jagd für ein Opfer an die Priesterkönige

Mein Herr und der Sattler hatten sich verabredet, am Anfang der Hand auf die Jagd zu gehen. Anlass war, die hohen Herren im Sardar mit einem Opfer milde zu stimmen, damit Jorts Fähre vielleicht von der bevorstehenden kühleren Jahreszeit verschont blieb und ganz besonders von ekeligem Schnee. Das Opfer war natürlich total in meinem Sinne, denn ich mag Kälte einfach nicht, weil ich dann viel zu dicke und viel zu viel Kleidung tragen muss. Entsprechend motiviert war ich also, mit meinen Arbeiten fertig zu werden, nachdem mein Herr bereits Richtung Unterstadt verschwunden war. Trotzdem brauchte ich wohl einen Moment länger, denn als ich mich zu ihm gesellte meinte er: „Bita, ich dachte schon du hast Angst, weil du so lange gebraucht hast.“ Pahhh, Angst?

Nee, Angst hatte ich wirklich nicht, allerdings ganz gehörigen Respekt, der aber durchaus lebensverlängernd sein kann. So ganz wohl war mir bei der Information, dass mein Herr für die Kajirae Beutel mit Lockstoff vorbereitet hatte, schließlich aber doch nicht mehr. Mir wurde allerdings klar, warum er so merkwürdig roch. Ich hatte mich zwar gewundert, aber selbstverständlich meine Klappe gehalten, denn auch einem Hauptmann kann mal ein übel riechender Wind entfleuchen. Mein wie ich fand sinnvoller Vorschlag, diesen Lockstoff an einer geeigneten Stelle mit gutem Schussfeld und gleichzeitig sicherer Deckung auszulegen, kam für ihn jedoch nicht in Frage… die Jagdmethode mit 2 Locksklavinnen namens Laya und Bita fand er besser. 


Na gut, selbstverständlich tut eine bemühte Kajira alles für ihren Herrn und für die gute Laune der Priesterkönige sowieso. Ich bekam also zwei dieser fies stinkenden Beutel ausgehändigt… einen für mich und den anderen durfte ich Laya geben. Wie erwartet, schaute sie mich mittelprächtig irritiert an, als ich ihr leicht näselnd erklärte, was es mit diesem wirklich nicht wie Sklavenparfüm riechenden Stinkezeugs auf sich hatte. Eingenebelt in die Lockstoffwolke war ich inzwischen dazu übergegangen, möglichst nicht mehr durch die Nase zu atmen… eine Methode, die den Gestank zwar nicht besser machte, jedoch einen Hauch erträglicher.

Nach ein paar Abstimmungen ging es dann los… Laya und ich durften vorweg laufen. Ich gab zwar noch zu bedenken, dass mir die Luft wegen Verpestung wegbleiben könnte oder ich wegen schlechter Atemluftqualität in Ohnmacht falle, doch irgendwie verpufften meine Befürchtungen schlagartig mit der Ankündigung meines Herrn „…dann fällt die Kurt auf deinen Rücken, Bita“. Er wollte leider nicht sehen, wie umfassend sein Eigentum dachte… eine Kriegerkajira muss auf der Jagd doch für alles gewappnet sein! „Vorsicht ist nun mal die Mutter der Jagdkiste mit Porzellan...oder wie heißt das noch?“ versuchte ich mein Anliegen noch zu erklären und fächelte mir dabei theatralisch mit der Hand Luft zu.


Mist, jetzt legte mein Herr mein Mitdenken als Kritik aus und verstand anscheinend nicht, dass mein Fächeln doch dazu diente, das Lockmittel noch besser zu verbreiten, damit sein Aroma möglichst schnell irgendein Tarsk oder anderes Viech anlocken würde… nur die große Monsterspinne hoffentlich nicht. Aber was soll’s, kaum waren wir bei der Waldhütte angekommen, kam dem vom Ekelgeruch benebelten Sattler dann sowieso eine Idee, die meinem Herrn sofort gefiel: „Vielleicht stehen die Tarsk nur auf nackte Kajirae… sie sollten sich ausziehen und mit dem Lockmittel einreiben!“ 

Genau, EINREIBEN! Breit grinsend sahen die beiden Männer zu, wie ich mich mit Todesverachtung mit dem fies riechenden Zeugs aus dem Beutel einrieb und Laya ebenfalls. Unsere Tuniken deponierte der Sattler übrigens in der Waldhütte. „Na, wenn das die Tarsk nicht anlockt, Sattler!“ frohlockte mein Herr, während dem Lederarbeiter anscheinend anderes in den Sinn kam, als er uns bei dieser Prozedur zuschaute: „Hauptmann, wenn sie nicht so stinken würden... mich würden sie anlocken! Mädchen, es würde mir echt leidtun, falls wir daneben schießen sollten und die Tarsk euch fressen.“ 

Hochmotiviert nach diesen Worten der beiden Männer, nahmen wir unsere Aufgabe dann in Angriff… ohne lautes Lockrufgebrüll, weil man keine Viecher wecken muss, sondern verscheucht, die einen sowieso mindestens über 2 Pasang hören und über 3 Pasang oder mehr riechen können… ohne Brunftlaute, weil Laya und ich die gehört und außerdem sowieso nicht nachahmen konnten… aber mit der Hoffnung, nicht gefressen zu werden, weil wir so wie wir stanken, vielleicht für Tarskdamen gehalten wurden.


Um die Beschreibung dieser unbeschreiblichen Jagd jetzt mal abzukürzen… wir liefen kreuz und quer durch den Wald… schlugen uns durch dichtes Unterholz und Gebüsch… blieben stehen und horchten… hörten Knacken, bedrohliches Schnaufen und irgendwelche aufgescheuchten Tiere weglaufen… die beiden Männer immer hinter uns hinterher. „Ich glaube, sie haben was… oh doch nicht... aber der Anblick der Mädchen ist wirklich ganz gut!“ war von meinem Herrn zu hören, bis schließlich aus dem Dickicht ein erschrockenes „Määäääääääääääääähhhhh“ kam und mir vor Schreck fast das Herz stehen blieb. 

Wir hatten ein Prachtexemplar von Verr aufgescheucht und eine wilde Hatz durch den Wald begann, bis mein Herr dem Tier den Weg abschnitt, sodass es seinen Kopf mit den gefährlich aussehenden Hörnern senkte und sich der Gefahr anscheinend stellen wollte. „Bita, duck dich!“ brüllte er und ich schmiss mich umgehend platt auf den Waldboden, während mein Herr sorgfältig zielte und dann auch schon das Sirren seines Pfeils zu hören war. Keine Ahnung ob getroffen oder nicht, das Verr stürmte an mir vorbei direkt auf meinen Herrn zu, schlug einen Haken und… tja, leider verschwand es im Gebüsch. Letztendlich zog das verletzte Tier, gespickt mit den Pfeilen meines Herrn und des Sattlers, aber doch den Kürzeren, sodass Laya und mir die Aufgabe zukam, es zum Marktplatz zu transportieren.

Dabei sahen wir irgendwelche Fremden ins Gasthaus einkehren, doch hatte die Jagd unserer Herren natürlich Vorrang und außerdem stanken wir dermaßen, dass wir eh niemanden mit dem Servieren eines Getränks erfreuen konnten. Der für Jagd und Wald zuständige Priesterkönig war uns bei unserer Rückkehr übrigens wohlgesonnener, denn es dauerte nicht lange, bis wir ein weiteres Verr entdeckten. Es steckte zwischen einem Felsen und einem Baumstamm eingekeilt fest, bockte zwar und versuchte mich mit seinen ausschlagenden Hinterläufen zu treffen, doch mit Layas Unterstützung nahm ich es in den Schwitzkasten und konnte ihm mit dem Messer meines Herrn nach einigen Schwierigkeiten doch noch einen schönen Schnitt in seinen Hals verpassen. 


Wir hatten also zwei Opfertiere und unsere Herren waren zufrieden. Während Laya und ich uns im Bach ausgiebig von dem Ekelgestank befreiten, gesellten sie sich schon mal zu den Nordleuten, bei denen es sich um äußerst merkwürdige, eher wortkarge Gäste handelte. Obwohl einige von der Reise anscheinend so erschöpft waren, dass sie eindösten, gelang es dem Sattler trotz einiger Schwierigkeiten ein paar sauber gegerbte Tabukfelle zu bestellen. Bei einem der Kerle war ich übrigens froh, dass ich keine Gedanken lesen konnte… aber vielleicht habe ich da auch etwas gänzlich falsch interpretiert. Bedarf an Bedienung bestand bei den Besuchern jedenfalls nicht, denn die nordischen Ohren ignorierten meine freundliche Frage einfach. 


Mir fielen schließlich fast die Augen zu… in einer Stinkewolke aus Lockstoff durch den Wald preschen macht wirklich müde. Mein Herr sah auch aus, als ob er dringend Schlaf brauchte, weil er doch die Frühwache gehabt hatte. Zumindest einem Nordmann wurde zu vorgerückter Ahn aber endlich klar, dass der jortssche Schmied momentan auf Reisen ist und der Vorschlag meines Herrn, den Dörflern eine Nachricht zukommen zu lassen, sobald seine Schmiede wieder geöffnet ist, wurde angenommen. Zum Glück war die Wegbeschreibung schnell erledigt und auch nach Hause schaffte ich es noch, sank dann aber in einen wie ich fand wohlverdienten Schlaf, kaum dass ich meinem Herrn „gute Nacht“ gewünscht hatte.

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