Donnerstag, 27. Oktober 2016

Kein Opfer und ein geschockter Sündenbock

Die Opfertiere machten mir langsam Sorgen, denn obwohl sie im Schatten der Stadtmauer lagen, verströmten sie inzwischen unangenehmen Geruch. Während der einfach nicht enden wollenden Spätdienste meines Herrn sah ich ihn zwar kaum und hielt unwichtige Dinge selbstverständlich auch von ihm fern, doch sein geplantes Opfer an die Priesterkönige war natürlich nichts Unwichtiges. Nach meinem Hinweis entschied er dann, dass die Viecher ins Fass sollten, denn Fenris ist ja ein Fan von ekeligem Essen. Auf der Suche nach einem Sündenbock für das fehlgeschlagene Opfer kam ihm leider meine Abneigung gegen das Ausnehmen von Tieren in den Sinn, denn ich musste mir anhören, das Ganze wäre nicht passiert, wenn man die Innereien entfernt hätte. 

Pahhh, warum sollte ich mal wieder Schuld sein oder ein schlechtes Gewissen haben? „Was wäre das denn für ein Opfer an die Priesterkönige, wenn es unvollständig ist, mein Herr?“ gab ich sofort zu bedenken. Na gut, letztendlich musste ich eingestehen, mit seinem „kein Opfer ist schlechter, als ein schlechtes Opfer“ hatte mein Herr natürlich Recht und mir wurde leider klar, dass es inzwischen wahrscheinlich zu spät war, noch etwas gegen die herannahende, fieskalte Jahreszeit zu unternehmen. Nachdem ich zuhause alle wichtigen Arbeiten erledigt hatte, sah ich am nächsten Tag jedenfalls zu, diese ekelige Kadaver-ins-Fass-Arbeit so zügig es ging hinter mich zu bringen, bevor noch Beschwerden wegen üblem Gestank auf mich niedergingen.

Dass nach solch einer fiesen Tätigkeit ausgiebiges, sehr gründliches Reinigen angesagt war, muss ich sicherlich nicht näher erläutern. Mist war nur, irgendwie lief mir die Zeit davon und ich verpasste das Waffentraining. Mein Herr konnte wegen seiner Wache zwar nicht teilnehmen, dennoch hätte ich den anderen Kriegern gerne beim Schwertfuchteln zugeschaut. Ich war sogar so spät dran, dass der Brauer und der Landsitzkrieger bei meinem Eintreffen am Gasthaus bereits mit Getränken versorgt auf der Terrasse die Kissen platt saßen. Wobei die beiden Krieger bei diesem Training anscheinend besonders schnell müde geworden waren, das Gemetzel auf der Wiese allzu lange fortzusetzen, was für zwei so gut aussehende, nach Aussage des Brauers aber alte Knacker wohl nichts Ungewöhnliches war.

Mir ist zwar klar, wie wenig bis gar nicht es meinem Herrn gefallen wird, doch ich fand es trotzdem nett, vom Brauereikrieger immer noch „Dita“ genannt zu werden und besonders schön, dass nicht nur der Händler und der Sattler, sondern auch der Landsitzkrieger mich inzwischen wieder „Dina“ rufen. Die Herren haben von der merkwürdigen Namensgebung meines Herrn wahrscheinlich die Nase voll und den Überblick verloren, welcher Buchstabe inzwischen der aktuelle ist. Nun sind es also schon vier Freie, die sich weigern, sich das „B“ zu merken und drei, die sogar das „ita“ ignorieren, egal mit welchem Anfangsbuchstaben.

Leider hatte ich nicht mitbekommen, worum es genau ging, als der Landsitzkrieger den Brauer fragte, ob dieser meinem Herrn seinen Beschluss wegen des Trainings ausrichten kann. Doch nach seinem Hinweis schwante mir einiges: „Wenn er mich für irgendeinen Krieg braucht, weiß er ja, wohin er einen Boten schicken muss.“ Ich bin mir ziemlich sicher, mein Herr wird über diese Information nicht begeistert sein. Die Männer erörterten das Thema dann allerdings nicht mehr weiter, weil am Eingang zur Terrasse nun ein Fremder auftauchte, der sich nach einer einladenden Geste des Brauers dazu setzte. 

Während ich dem Sattler seinen Paga servierte, bekam ich die Bewegung am Terrasseneingang übrigens lediglich am Rande mit, doch dann nannte der Reisende seinen Namen und veranlasste mich, vor Schreck fast den Pagabecher fallen zu lassen: „…wenn ich mich vorstellen darf, ich bin Lucius.“ Nach Luft schnappend, weil mein Kajiraherz erst aussetzte und dann in wildem Stakkato einen Stepptanz in meinem Innern aufführte, vergaß ich schlagartig den Sattler und sein Getränk und starrte den Besucher mit weit aufgerissenen Augen an… doch leider war ER es nicht!

Der Besucher hatte weder die Stimme meines verschollenen Herrn noch sah er ihm auch nur ansatzweise ähnlich… es war nur ein Nordmann, der von seinen Eltern zufälligerweise denselben Namen erhalten hatte. Aus welchem Dorf er stammte, wohin seine Reise ging und warum er überhaupt reiste, blieb unklar und der Landsitzkrieger murmelte: „Aii, es wird Winter, da machen die Nordmänner immer Reisen.“ Es kostete einige Kraft, doch letztendlich hatte ich mich wieder im Griff und tröstete mich damit, mein ehemaliger Herr gilt weiter als verschollen, solange niemand von seinem Tod berichtet… und sein Tarn Carolus ist auch nicht ohne ihn zurückgekehrt.

Da der Fremde nun das noch herrlich milde jortssche Klima erwähnte, erinnerte der Sattler sich plötzlich leider an die Opfertiere, sodass ich kleinlaut eingestand, sie im Fass entsorgt zu haben, weil sie schrecklich stanken. Außerdem waren sie sleengerecht vorgegammelt und bereits so morsch, dass ein Opfer im ganzen Stück echt nicht mehr ging, zumal dem kleineren Viech schon von alleine ein Bein abgefallen war. Wie sollte es anders sein, natürlich bekam ich vom Sattler jetzt die Schuld: „Das kommt davon, weil ihr die auf dem Marktplatz liegen lassen habt, Dina… du und Laya!“ Ok, Laya auch, aber die war ja nicht da.

Der sichtlich verärgert wirkende Landsitzkrieger kommentierte dieses Thema ebenfalls: „Ihr werdet nun keine Tiere mehr opfern können. Die Priesterkönige erwarten, dass wir mit Respekt mit der Natur umgehen und ihnen Dinge opfern, die einen Wert für uns darstellen… was Tiere ja offenbar nicht tun, wenn wir sie auf dem Marktplatz vergammeln lassen!“ Mein kleinlauter Hinweis, dass wir nur die Anweisung meines Herrn befolgt hatten, veranlasste ihn dann zu ergänzen: „Sei froh Kajira, dass du einen Befehl ausgeführt hast… die Verantwortung trifft den, der den Befehl gab. Er wird wohl Münzen opfern müssen, wenn er versuchen will, das wieder richtig zu biegen!“ Danach hielt ich lieber meine Klappe.

Inzwischen herrschte allgemeine Aufbruchsstimmung. Da der jortssche Schmied sich noch auf Reisen befindet, entschloss sich der Nordmann, seine Suche nach einem Mitglied dieser Kaste woanders fortzusetzen und war auch nicht dazu zu überreden, sich im Gasthaus ein Zimmer zu nehmen. Den Brauer zog es an seine Kessel, den Sattler zu seinen Lederarbeiten und den Landsitzkrieger und sein Weib zurück in die ländliche Pampa. Bevor er ging, blieb der Rarius allerdings noch kurz bei mir stehen, legte sanft seine Hand in meinen Nacken und gab mir leise den Rat: „Lass das Hoffen, Kajira… es bringt nur trübe Gedanken.“ Das war bestimmt nett gemeint, doch was versteht schon ein Landsitzkrieger vom Herzen einer Kajira!?

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