Mittwoch, 16. November 2016

Archontin der Stadt Jorts Fähre

Bei meiner Frage, wie fein ich mich anlässlich des Heimsteinschwurs der Schreiberin machen sollte, kam von meinem Herrn nur äußerst hilfreich „ausreichend Arya“… typisch Mann irgendwie. Aber ok, er war wohl auch viel zu sehr damit beschäftigt, die 37 Seiten seiner Rede nicht durcheinander zu bringen. Ob ihm dies gelang, bekam ich nicht mehr mit, da ich mich nun beeilte ins Gasthaus zu kommen, wo ich mich zusammen mit Laya um die Vorbereitungen für die Festivität nach dem Schwur kümmern sollte.

Tja, Laya und ich waren pünktlich, nur dieses Weib tauchte zur vereinbarten Ahn nicht auf, sodass wir einfach alles so herrichteten, wie es uns sinnvoll erschien. Die Hofkajirae tauchten zwar ebenfalls nicht auf, hatten aber wenigstens die Vorräte in der Gasthausküche aufgefüllt, sodass unserer Zubereitung der kulinarischen Leckereien nichts im Weg stand. Da leider die Lieferung des von der Schreiberin angekündigten Tischs ausblieb, bauten wir schließlich sämtliche Speisen auf einer improvisierten Tischplatte draußen auf der Terrasse zu einem großen Büffet auf. 

Wie gut, dass wenigstens der Grillwagen wie bestellt kam und ich unsere Vorbereitungen danach als beendet erklären konnte, sodass wir uns pünktlich zur Ahn des Heimsteinschwurs Richtung Ratssaal aufmachten… von der Blauen war übrigens bis zuletzt kein Rockzipfel zu sehen. Lustig fand ich, dass Laya sich erstaunt nach dem Bild auf meiner rechten Schulter erkundigte. Da es meistens von meinen langen Haaren verdeckt ist, die ich an diesem Tag seitlich über meine linke Schulter trug, hatte sie noch nie die Blume bemerkt, obwohl sie mich schon mein ganzes Leben auf Gor begleitet... mein erster Herr hatte sie nämlich persönlich entworfen.

Das Getümmel vor dem Ratssaal war bei unserem Eintreffen übrigens gewaltig, da ein Gast anscheinend unter irgendeinem Vorwand mit riesigem Gefolge aus dem Norden eingetroffen war. Zumindest reimte ich es mir so zusammen, denn ich hörte einen der Nordleute brummen, er sei eigentlich angereist, um Handel zu treiben, aber nicht um an einer Heimsteinzeremonie teilzunehmen. Ein Durchkommen in den Ratssaal war jedenfalls vorerst nicht möglich, sodass ich nur einzelne Gesprächsfetzen von drinnen mitbekam, wo mein Herr schon wieder die Anzahl der Seiten seiner Rede erwähnte.

Plötzlich hörte ich einen der Nordmänner vor den Ratssaaltüren stöhnen: „Ohje, der will eine 37seitige Rede halten… das wird bis zum Ende des Winters dauern!“ Nach einigem Zögern betraten die zahlreichen Nordleute schließlich aber doch noch den Saal und ihr Anführer sagte meinem Herrn zu: "Wir werden uns benehmen und eure Zeremonie ehren, darauf mein Wort". Laya und ich quetschten uns schnell hinterher, damit die Türen geschlossen werden konnten und niemand mehr der Rede meines Herrn entkam. Ein etwas ungehobelter Kerl meinte übrigens, es wäre doch lustig, ihn nach der ersten Seite umzuhauen, doch zum Glück schüttelte der Anführer seinen Kopf: „Ich habe mein Wort gegeben, das gilt für uns alle!“


Wie von mir vermutet, war mein Herr tatsächlich nicht nur mit der Bewachung des Heimsteins beschäftigt, sondern kramte in seinen Redepapieren und warf diverse Seiten in die Feuerschale neben sich… hatte er die 37 Seiten womöglich durcheinander gemischt? Wie gut, dass es die unzuverlässige Schreiberin wenigstens geschafft hatte, pünktlich zur Zeremonie im Ratssaal aufzutauchen. Sie schlug ihm jetzt nämlich vor: " Kintradim, ich glaube du kannst anfangen. Wer jetzt noch nicht da ist, verpasst eben deine sicher wundervolle Rede." „Wie du meinst… ich war zwar gerade noch am Aussortieren, aber wir können auch gerne anfangen“.

Damit warf er gleich noch ein paar Seiten auf einmal ins Feuer, was aber nicht bedeutete, dass er keine gute Rede hielt. Mein Herr braucht gar keine Zettel für tolle Reden… erwähnte den Anlass, warum sich alle im Ratssaal versammelt hatten, aber auch wie wichtig und einschneidend der Heimsteinschwur im Leben jedes Mittelgoreaners ist, weil man damit Teil einer Gemeinschaft wird und sich das Recht, diesen Schwur zu leisten, vorher sorgsam erworben hat. Kurz ging er noch darauf ein, wie mittellos dieses Weib seinerzeit in Jorts Fähre angekommen war und dass es ihr dank der Unterstützung des hohen Rates der Stadt gelungen ist, in die blaue Kaste der Schreiber aufgenommen zu werden.

Sogar die zappeligen Nordleute beruhigten sich etwas und hörten zu, denn diejenigen, die sich dazu nicht in der Lage sahen, hatten den Saal lieber wieder verlassen. Schließlich wanderten auch die restlichen Seiten der Rede in die Feuerschale und mein Herr erkundigte sich bei dem Weib, ob sie für ihren Schwur bereit war… war sie. „Dann schreiten wir gleich zur Tat. Du darfst zum Heimstein vortreten und sogar deine Hand darauf legen, um den Schwur zu leisten.“ Während die Frau sich nun sichtbar ehrfürchtig dem kostbaren Stein näherte, um ihn vorsichtig mit ihrer Rechten zu berühren, drohte mein Herr ihr seine schlechte Laune an, sofern sie versuchen sollte, den Stein mitzunehmen.

Die Schreiberin legte ihren Schwur mit eigenen, wirklich sehr schönen, aber dennoch ähnlichen Worten ab, wie ich sie schon unzählige Male gehört hatte. Sie brachte ihr Bemühen zum Ausdruck, Ruhm und Reichtum von Jorts Fähre zu mehren, jederzeit die Stadtgesetze zu befolgen und ihrem Heimstein keine Schande zu bereiten. Zuvor noch nie gehört hatte ich jedoch: „Ferner schwöre ich Kraft meines Amtes als Archontin der Stadt……" Hmmm… Herrschende der Stadt? Ach nee, bestimmt meinte sie sinngemäß, dass sie als einzige und somit erste Schreiberin eine führende Amtsträgerin ist. 

Na gut, passt irgendwie zu ihren ständigen Verbesserungen, dass sie eine „Schriftglehrte“ ist, bei denen mir immer Gedanken kommen… tja, die ich aber selbstverständlich nicht laut denke. Interessant fand ich übrigens die Worte, mit denen die Schreiberin ihren Schwur beendete „…als Archontin der Stadt, diese mit Tinte und Feder zu verteidigen“. Diese Aussage veranlasste einen der Thorvaldsländer in meiner Nähe nämlich leise zu brummen: "Sie sollte lieber einen Bogen nehmen, um eine Stadt zu verteidigen, mit Tinte und Feder wurde noch niemand erschlagen!" Letzteres ging allerdings im „Willkommen in Jorts Fähre“ und den allgemeinen Glückwünschen unter.


Das anschließende Festessen kam wohl bei allen Gästen gut an und ich denke, es gab niemanden, der oder die nicht restlos gesättigt bis übersättigt nach Hause ging. Der Fastentag meines Herrn hatte sich jedenfalls gelohnt und ich musste mich um sein Essen auch sowieso nicht kümmern, da er sich ahnlang getreu seinem Motto „wer mag, kann sich gerne setzen… wer schlau ist, bleibt stehen und langt selber kräftig zu so wie ich, hehe“ direkt neben dem Büffet strategisch günstig platziert hatte. Auf meinen Hinweis, dass er gar keine Kajira braucht, erwiderte er lachend: „Arya, lass es mich so sagen… was essen angeht, bin ich durchaus selbstständig!“


Die Dankbarkeit der neuen Heimsteinangehörigen kannte übrigens keine Grenzen, denn sie brachte zu vorgerückter Ahn gegenüber meinem Herrn und dem Sattler noch überdeutlich zum Ausdruck, wie sehr sie sich über Layas und meinen Einsatz gefreut hatte. Darüber freute ich mich natürlich riesig, obwohl meine Dienste für mich eine Selbstverständlichkeit gewesen sind… besonders bei einer Archontin der Stadt Jorts Fähre, denn ich möchte meinem Herrn natürlich Ehre bereiten! ;-)

1 Kommentar:

  1. Ach, Mädchen *lächelt nachsichtig*

    Eine Archontin ist eine Beamtin der Stadt, um es mit einfachen Worten für dich auszudrücken. In diesem Fall natürlich eine hohe Beamtin, immerhin hat Jorts Fähre nur mich als Schreiberin!
    Es freut mich aber sehr, dass du dich trotz deiner Ahnungslosigkeit so darum bemüht hast, den richtigen Sinn meiner Worte zu deuten. ;-)
    Und um es noch einmal zu betonten, ich war sehr erfreut über die fleißige Hilfe von dir und Laya, zumal der Krieger vom Hof ja scheinbar vergessen hatte, seine Mädchen für diesen wichtigen Anlass in der Stadt zu belassen, als er auf Reisen ging. *seufzt* Männer!
    Was mein verspätetes Kommen angeht, so lag dies einzig daran, dass dieses unzuverlässige Stadtmädchen nicht fähig war mein Haar zu frisieren - was mich zum nächsten Punkt bringt:
    Ich befürchte, dass ich doch dringend eine Topfsklavin benötige. Neben meinen vielfältigen Aufgaben als erste Schriftgelehrte wird es mir kaum möglich sein, meinen Haushalt weiter alleine zu führen. Sobald ich dich also deinem Herrn abgekauft, dich vernünftiger eingekleidet und in anständigem Benehmen unterwiesen habe, werde ich dir ein wenig mehr über die Aufgaben einer Schriftgelehrten erklären, damit du die Wichtigkeit dieses Amtes zu schätzen lernst.

    gezeichnet, Lady Mirjana von Jorts Fähre

    *grinst breit*
    Ich liebe deine Blogeinträge, Dina!


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