Dienstag, 15. November 2016

Der Tag davor

„Arya, bei Fuß… ich werde heute im Gasthaus ein Menü aus Getränk und Imbiss zu mir zu nehmen“, eröffnete mein Herr mir und stampfte auch gleich los, sodass ich mich bemühte, wegen der immer noch zwischen meinen Knöcheln befindlichen Kette mit eiligen Trippelschritten hinterher zu kommen. Die Getränkefrage war schnell geklärt, denn mein Herr wünschte das Übliche, also Paga. Ein wenig Sorgen machte mir jedoch über den Imbiss und sein öffentlich angekündigtes Fasten, denn es war der Tag vor dem Heimsteinschwur der Schreiberin und dem anschließenden Festessen. Sein Hunger war also verständlich… oder wollte er mit dem Menüwunsch prüfen, ob ich mir seine Fasten-Ankündigung gemerkt hatte?

Während mir diverse Überlegungen durch den Kopf gingen, hantierte ich in der Gasthausküche mit dem Geschirr und fluchte zwischendurch… selbstverständlich leise… als mir… leider sehr laut… ein Topfdeckel fast auf den Fuß fiel. Das Scheppern muss jedenfalls draußen auf der Terrasse zu hören gewesen sein, denn es wurde umgehend mit der Ermahnung von meinem Herrn kommentiert: „Pass auf deine Finger auf… eine Neunfinger-Arya mag ich nämlich nicht!“ Mit dem Arrangement auf dem Teller meines Herrn schwer beschäftigt und entsprechend hochkonzentriert darauf, erwiderte ich dazu aber lieber nichts.

Inzwischen hatte ich mich nämlich entschieden, meinem Herrn zu zeigen, dass auf mein gutes Gedächtnis Verlass ist, ich mich von dem Menü- und Pagawunsch nicht irritieren lasse und seine Fastenankündigung zu respektieren weiß. Mitten auf seinem Menüteller platzierte ich also eine fastenmäßig geeignete, sehr dünne Scheibe Braten, denn mein Herr ist nun mal ein Fleischesser. Und damit dieses Bratenscheibchen nicht so verloren auf dem Teller aussah, dekorierte ich fächerförmig darum herum drei große Blätter Katch und legte auf jedes eine Kalanatraube darauf. Das sah schon mal nach sehr gut und äußerst lecker aus.

Da das Auge bekanntlich mitisst, halbierte ich als weiteres optisches Highlight zwei kleine gekochte Suls, auf die ich Kräuter streute und zusätzlich auch einige über die noch freie Fläche des Tellers, sodass dieses Arrangement nach richtig viel mehr aussah, als es eigentlich war. Außerdem verwendete ich einen fastentauglichen Trick mit dem Paga, indem ich einfach einen recht kleinen Becher nahm, den ich allerdings fast randvoll schenkte, sodass die geringere Menge nicht wirklich auffiel. Entsprechend zufrieden mit mir, balancierte ich diesen Fasten-Imbiss nebst Getränk hinaus zu meinem Herrn.

Doch irgendwie teilte er meine Begeisterung nicht, sondern zeigte mit leicht pikiertem Blick auf das Arrangement: „Arya, was sind das denn für Blätter?“ Meine Erklärung über dieses wirklich perfekt zum Fastentag passende, sehr gesunde Kohl-Salat-Gemüse, überzeugte ihn offensichtlich jedoch nicht. „Ich strenge mich sehr an, denn was tut man nicht alles… aber zu gesundes Fasten hatte ich eigentlich nicht im Sinn. Das Gesunde darfst du essen, Arya, es könnte mich womöglich überfordern!“ meinte er gutmütig lachend und zeigte erneut seine unendliche Großzügigkeit, die ich wirklich zu schätzen weiß, zumal er doch gerade erst sein Haus zur sklavenbreifreien Zone erklärt hatte!


Während ich mich nun mit Begeisterung über die leckeren Katchblätter hermachte… einziger Nachteil war, dass Einzelteile davon zwischen meinen Zähnen hängen blieben, die ich mühsam mit dem Finger herauspuhlen musste… gesellte sich der Sattler dazu und empörte sich über seine Kajira, die ihn anscheinend erst erschreckt und ihm dann auch noch widersprochen hatte. Nun erfuhr ich auch, warum mein Herr zwischendurch so abwesend gewesen war. In mir keimten nämlich schon ernste Befürchtungen, ob er womöglich doch viel zu hart fastet. 

Wie gut, dass er nun erzählte, er habe im Kopf seine Rede für den Heimsteinschwur geübt und einige Probleme mit den Seiten 7, 9, 13 und 21 gehabt sowie diversen dazwischen. Offensichtlich geschockt über den Fleiß meines Herrn, überlegte der Sattler, zur Zeremonie erst eine Ahn später dazu zu kommen, weil in seinem Alter lange Reden sehr anstrengend sind und es für die Zuschauer keine Sitzgelegenheiten gibt. Pahhh… zog der Kerl doch tatsächlich in Erwägung, den Anfang der Deluxe-Rede meines Herrn zu verpassen?! Für seine harte Vorbereitung auf das Fest nach dem Schwur durch Fasten, sprach er meinem Herrn allerdings seine Hochachtung aus. 

Interessant war zu erfahren, dass Laya ihren Herrn mit Anschleichen erschreckt hatte. Trotz des zehrenden Fastens ohne Gemüsebeilage hatte mein Herr aber selbstverständlich einen Vorschlag, wie dies zukünftig verhindert werden konnte… mit Glöckchen. Die Erörterungen der beiden Männer über den am besten geeigneten Ort dieser Maßnahme… ob an den Knöcheln oder mangels Nasenring doch lieber an den Nippelringen, die Laya in ihren wirklich sehr beeindruckenden Brüsten hat… wurde durch das Auftauchen der schriftgelehrten Schreiberin jedoch unterbrochen. 


Mein Herr eröffnete dem Weib jetzt nämlich erst einmal, dass seine Rede bereits 21 Seiten hat. "Hauptmann, ich freue mich über jedes tiefsinnige Wort von dir, dass meinen Gästen zeigt, wie wichtig dir mein Heimsteinschwur ist.“ Die Frau zog es danach übrigens vor, sich auf ein Kissen plumpsen zu lassen und einen Kräutertee zu bestellen, um bei klarem Verstand zu bleiben, da sie nach dieser Information meines Herrn natürlich unter Zugzwang mit ihrer Dankesrede an ihn war, die in ihrer Länge seiner Rede sicherlich in nichts nachstehen sollte. „Als hohe Gelehrte kann ich darauf unmöglich verzichten. Wie stünde meine Kaste da, wenn ich das täte?“ 

Ah ja, irgendwie typisch für diese Neuschreiberin, erneut ihre Gelehrigkeit zu betonen, allerdings schwieg ich dazu selbstverständlich und gab mich lieber dem Genuss der sanft meinen Schenkel knetenden Hand meines Herrn hin. Da sich im Gesicht des Sattlers bei der Aussicht, zusätzlich noch eine Dankesrede über sich ergehen lassen zu müssen, inzwischen Fassungslosigkeit ausbreitete, sah ich mich letztendlich aber doch verpflichtet, ihm den schlauen Botha-am-Mann-Trick des Brauers zu verraten, der bestimmt auch bei ahnlangen Reden hilft. 

Ich mag mich täuschen, aber als mein Herr sich schließlich dahingehend äußerte, die Schreiberin habe ihren Schwur bestimmt schon formuliert… in Jorts Fähre gibt es nämlich keinen von der Stange… wurde die Frau richtig nervös. Sie versuchte das zwar zu vertuschen, jedoch vergeblich: "Hier verfasst man den Schwur selbst? Das ist doch sehr unüblich Hauptmann! Sind dir die Worte ausgegangen und du musst darum meine Hilfe annehmen?“ Danach löcherte sie nämlich den Sattler wegen seines Schwurs vor vielen Märkten und versuchte krampfhaft zu erfahren, welche Worte er gewählt hatte. Es bestätigte sich also immer offensichtlicher, dass ihr anscheinend nichts einfiel.

Na gut, sowas kann am Tag davor wohl passieren, zumal das Weib schon ganz blass geworden war und um ihre Planungen für das Festessen fürchtete. Da ich bei den Vorbereitungen helfen sollte, hatte ich mich bei ihr natürlich erkundigt, ob die Feier in Anbetracht der zu erwartenden hohen Gästezahlen in der Arena stattfinden soll oder ob alles mangels ausreichender Anzahl von Sitzkissen auf der Gasthausterrasse im Stehen geplant ist. Aber mal sehen, soll ja auch schon mal vorgekommen sein, dass der Kajirafunk daneben lag. Möglicherweise behindern auch die Wetterverhältnisse die Anreise der zahlreichen Gäste aus halb Gor, sodass es vielleicht doch keine 300 werden… oder so. ;-)

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