Montag, 7. November 2016

Piesackerei

...denn was möchte eine Sklavin mehr als alles andere? Genau, Freie erfreuen!

„Arya! Wo bist du!“ kam hauptmannsmäßiges Gebrüll von unten, kaum dass ich die Haustür hatte zuklappen hören. Erschrocken sprang ich auf, denn zum Glück waren sämtliche frisch gewaschenen Tuniken meines Herrn gerade zurück in seine Kleidertruhe gewandert. Auf meinem Weg zur Treppe rief ich: „Mein Herr… ich bin hier oben und gleich unten!“ Mist, seine Laune war offensichtlich nicht die beste, denn statt einer Begrüßung grummelte er: „Was heißt hier gleich?“ „Gleich ist jetzt, mein Herr“, beeilte ich mich nun zu erklären, denn was sollte ich sonst sagen, da ich inzwischen vor ihm kniete? „Das wollte ich hören, Arya.“ Puhhh, war er tatsächlich zufrieden? So brummig wie er mich ansah, war sicherlich weiterhin Vorsicht angesagt.

Als nächstes wurde ich über die Erledigung meiner Aufgaben ausgehorcht und war froh berichten zu können, dass ich ihnen bereits nachgekommen war. Einzig unerledigt war nur, meinen Herrn erneut an die Schreiberin zu erinnern. Diesen Auftrag hatte er mir bereits vor einiger Zeit gegeben, doch machte sich das Weib äußerst rar in der Stadt und war seit über einer Hand nicht gesehen worden… vielleicht eine Taktik, um es sich mit ihrer spitzen Zunge nicht zu verscherzen, auf den Heimstein von Jorts Fähre schwören zu dürfen? Nee, so oberwichtig wie sie ihre neue Kastenzugehörigkeit nimmt, hatte sich die Frau bestimmt in irgendwelchen Dokumenten vergraben.

Meinem Herrn kamen anscheinend ähnliche Gedanken. Zuerst überlegte er jedoch, ob dieses Weib den Lohn überhaupt wert ist, den die Stadt ihr zahlt oder ob nicht eine Kürzung anzuraten ist. Doch dann entschloss er sich, die schwer beschäftigte Schreiberin aufzusuchen. Die Schreibstube im Zylinder am Ratssaal war jedoch ausgestorben und genauso die Räume der roten Kaste im anderen Zylinder, einschließlich des oberen Bereiches. Es irritierte mich zwar etwas, als mein Herr mir befahl die Wendeltreppe hinauf zu laufen und dort nachzuschauen, doch er wusste noch aus seiner Kriegerausbildung, wie gut es sich oben schläft, weil dort nämlich nie jemand gesucht wird.

Ich konnte meinem Herrn zwar nicht ansehen, was nach diesem Fehlschlag in ihm vorging, doch Angenehmes war es offensichtlich nicht oder hätte er sonst angefangen, seinen Ärger an mir auszulassen? Ohne irgendein Wort packte er nämlich meine Haare und zog mich an ihnen auf dem Weg zum Haus der Schreiberin hinter sich her. Na toll, fast wäre ich auf den Stufen vor dem Ratssaal gestolpert und hätte mir dabei bestimmt sämtliche Haare ausgerissen… doch je schlechter es mir ging, umso besser ging es offensichtlich meinem Herrn. Am Haus der Blauen angekommen lachte er nämlich: „Na also… geht doch, Arya!“ Was für eine Ehre für mich, zur Verbesserung der Laune meines Herrn beitragen zu dürfen, dreht sich doch mein ganzes Denken und Streben darum, ihn zu erfreuen! Was sind da schon ein paar Haare!?


Kurz ließ er mich los und bollerte kräftig gegen die Haustür der Schreiberin. Doch die Frau öffnete nicht. Seinem Ärger darüber Luft machend, „…so was Unhöfliches, Arya. Mich vor der Tür warten lassen, das mag ich nicht!“, packte mein Herr erneut meine Haare, sodass ich mir fest auf die Unterlippe biss, um bloß keinen Muckser von mir zu geben. Ein leises Stöhnen war allerdings nicht vermeidbar und hatte leider einen äußerst fiesen Ruck an meinen Haaren zur Folge: „Ruhe da unten oder habe ich dir Jammern erlaubt, Arya?“ Dabei zog seine Hand meine Haare immer tiefer und meinen Kopf logischerweise auch, um das schmerzhafte Reißen etwas auszugleichen, bevor er mich in der nächsten Ihn ruckartig wieder hoch zog.

Den Priesterkönigen sei Dank, nach diesem Laune verderbenden Fehlschlag lenkten sie die Schritte meines Herrn zum Hafen, wo wir meinen Retter trafen. „Hauptmann, was drangsalierst denn Arya so… hast deinen Brutalen heute?“, fragte der nette Brauereikrieger ihn nämlich nach einiger Zeit, nachdem dieser das schmerzhafte Zerren an meinen Haaren hin und her, rauf und runter fortgesetzt hatte. Wobei es dem Brauer wohl nicht vorrangig um meine Rettung vor einer Glatze ging, sondern um vielleicht von einem Thema abzulenken, über das er offensichtlich keine Auskünfte zu geben gedachte. Ich fand das durchaus nachvollziehbar… was geht meinen Herrn die Familienplanung des Brauereikriegers an bzw. wann sein Weib schwanger wird?


Leider war die Piesackerei mit dem Loslassen meiner Haare noch nicht zu Ende, denn mein Herr wollte nun wissen: „Arya, ist es dein überaus vordringlichster Wunsch, uns jetzt Getränke zu bringen, mit ganz viel Hingabe, einer extra Portion Demut und Zärtlichkeit?“ Ich war natürlich auf der Hut und äußerte erst einmal nur vage „ja mein Herr...aber nur, wenn das auch dein Wunsch ist“, denn warum sollte es plötzlich nach mir gehen? Doch mein Herr wiederholte seine Frage mit fast denselben Worten, sodass ich schließlich antwortete: „Mein vordringlichster Wunsch ist es dich zu erfreuen, mein Herr, und bislang ist dies wohl der Fall, indem du an meinen Haaren ziehst.“ Lachend ließ er von mir ab: „Dann ändern wir das jetzt… bewege deinen Hintern!“

Inzwischen tauchten zwar die Gnädigste und die beiden Besucher aus dem Norden auf, doch hielt mich das nicht davon ab, meinem Herrn eiligst seinen Paga zu bringen, was sich auf dem Rückweg dann jedoch als zu schnell herausstellte, da er nun in der für ihn so typischen Art lautstark plärrte: „Arya, Getränke für alle natürlich!!“ Na toll, und es kam sogar noch besser. Es redeten nicht nur alle Freien durcheinander, sondern besonders die beiden Nordleute meinten beliebige Essenswünsche äußern zu können, die in mir die Vermutung aufkeimen ließen, dass sie die neuen Pächter der Taverne von Jorts Fähre sind und besser als ich wissen, was in der Tavernenküche vorrätig ist. Ach nee, als Tavernenkajira gehört dieses Wissen natürlich zu meinen Aufgaben!

Pahhh, die konnten mich mal… auf meinem Kragen stand immer noch der selbe Name wie seit fast vier Märkten. Ich ignorierte die Bestellungen einfach und kniete mich vor meinen Herrn, um ihm seinen Paga anzureichen, Hingabe & Co. verkniff ich mir allerdings. Bei seinem „…zuhören und gehorchen, Arya, bring für alle Trinken und Essen!“ nahm sein Brummen allerdings schon wieder die Sorte „gefährlich“ an. Ja, selbstverständlich wollte ich mich um alle Wünsche der Freien kümmern, nur was sollte das Durcheinander und wohin sollte ich was denn bitteschön bringen? Sollte es eine Stehparty werden, ins Gasthaus gehen oder vor die Taverne? Ich blieb stumm und wartete einfach erstmal ab. 

Die Worte des Nordmanns auf die Frage meines Herrn „Hafen oder Gasthaus?“ ließen es mir jedoch eiskalt den Rücken herunter laufen: „Wo muss die Kajira mehr laufen?“ Die Piesackerei hatte wirklich noch kein Ende gefunden. „Ist doch egal, ob die laufen muss“, antwortete mein Herr dem selbstgefälligen Nordmann nämlich nur, der offensichtlich zu glauben schien, über fremdes Eigentum nach Belieben bestimmen zu können. Tja, aber was soll’s… Schicksal einer Hauptmannkajira, die im Gegensatz zu anderen Kajirae fürs Gasthaus, für die Taverne und sowieso für die ganze Stadt nebst Gästebewirtung zuständig ist. 


Vergangene Zeiten sind leider lange vorbei. Ich gehöre dem Hauptmann von Jorts Fähre und mir ist bekannt, dass es genau wie bei meinen früheren Eigentümern auch bei ihm für seine Sklavin kein „wünsch dir was“ gibt. Trotzdem zogen die Stromschnellen wieder magisch meine Blicke an, nachdem ich alle Freien endlich mit Essen und Trinken versorgt hatte, einschließlich der Milch aus dem Gasthaus für das Nordweib. Dicht neben meinem Herrn schließlich irgendwann kniend, hing ich ein paar schönen Gedanken nach und gab mir gleichzeitig größte Mühe, an den oberlangweiligen Gesprächen über Familienplanung und fruchtbarkeitsfördernden Getränkemischungen vorbei zu hören. 

Es kam mir übrigens so vor, als ob die Themen auch den Brauer langweilten, denn er war nicht nur noch schweigsamer als sonst, sondern seine Kessel riefen noch früher nach ihm als sonst. Doch auch die beiden Frauen zogen sich bald zurück und genau wie an den anderen Abenden folgte der Nordmann seinem Weib wenige Ehn später. Meine Piesackerei hatte inzwischen tatsächlich doch noch ein Ende gefunden und die Berührungen meines Herrn lenkten meine Blicke wieder von den Stromschnellen ab... zu später Ahn auf seinem schönen weichen Fell, vergaß ich sie dann sowieso vor Müdigkeit. 

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