Mittwoch, 2. November 2016

Viel hilft viel

Puhh… ich war ganz schön am Rackern, um für das geplante Opfer einen großen Berg dünn ausgerollter Teigfladen herzustellen, die ich mit einer leckeren Kräuterpaste bestrich, mit Schinken und Käse belegte und sie dann in den Backofen schob, damit der Käse leicht knusprig wurde. Das Ganze musste einigermaßen leise vonstattengehen, da mein Herr seinen während der Nachtwache verpassten Schlaf nachholte. Doch schließlich war alles fertig, mein Herr ausgeschlafen und der Korb mit den köstlich duftenden Teigfladen, Trinkbechern und Tellern gepackt.


Gleich am Morgen hatten Laya und ich uns um die Vorbereitung der Feuerstelle und das nötige Brennholz auf der Wiese gekümmert. Für den Notfall füllte sie außerdem noch ein paar Eimer mit Wasser, falls es entgegen der Behauptung meines Herrn den Männern nicht gelingen sollte, irgendeinen ungeplanten, unerlaubten Brand mit kräftigem Strahl auszupinkeln. Danach war Laya nach Hause gelaufen, um sich ans Backen zu machen, während ich noch das Opferfass mit Paga zur Wiese rollte.

Obwohl meinem Herrn das Opfern wirklich sehr wichtig war, waren wir nicht die Ersten an der Wiese, hatten aus der Oberstadt allerdings auch den weitesten Weg dorthin. Der Herr mit dem kürzesten Weg, nämlich der Sattler fehlte übrigens noch, dafür machte sich der Brauereikrieger, sich als Vorkoster aufopfernd bereits über die von Laya gebackenen Brezeln her und schob sich bei unserem Eintreffen gerade eine in den Mund. Sein Urteil klang sichtlich zufrieden „Schmeckt gut das Opfergut!“ Auch der Magen meines Herrn begann jetzt zu knurren, doch blieb er hart mit sich: „Nein, nein… ich warte noch, bis wir alle bereit sind… opfern will schon richtig gemacht werden!“


Als ich ihm dann jedoch einen Becher Paga anreichte und der Sattler sich mittlerweile dazu gesellt hatte, war inzwischen die richtige Opferzeit gekommen. So gierig, wie mein Herr einen großen Schluck Paga quasi inhalierte, konnte man wirklich überdeutlich erkennen, wie bereit er für diese ihm so wichtige Angelegenheit war. „Auf einen milden Winter… ohhh ihr Priesterkönige, erhört uns!“ Mit diesen Worten kippte er schließlich einen kleinen Rest aus seinem Becher in die Flammen und eröffnete damit die Opferrunde. 

Die Gnädigste trank übrigens keinen Paga, sondern goss den gesamten Becherinhalt mit entsprechend großer Stichflamme ins Feuer. Das war wirklich aufopferungsvoll, denn es sah fast so aus, als ob ihre Röcke kurz in Gefahr waren, in Flammen aufzugehen. Ein solches Stichflammenzeichen der Priesterkönige ermutigte wiederum den Brauereikrieger, nacheinander gleich zwei große Schlucke Paga zu nehmen, die er ins Feuer spuckte und damit weitere Explosionen erzeugte. Zum Glück wurden seine schönen roten Haare dabei nicht unvorteilhaft gekürzt.


Während mein Herr sichtlich zufrieden dem Paga weiter zusprach und sein Erstaunen darüber äußerte, dass er nie gedacht hätte, wie gut Opfern funktioniert, war es nun an dem Sattler, seinen in die Flammen gespuckten Beitrag zu leisten, der von den Priesterkönigen ebenfalls mit einer Paga-Explosion einschließlich in den Himmel schießender Stichflamme honoriert wurde. Mein Herr meinte übrigens, vielleicht bringt es Glück, wenn auch ich zu einem milden Winter ohne Kälte und Schnee mit einem Schluck Paga aus seinem Becher ins Feuer beitrage… ein Wunsch, dem ich selbstverständlich aufopferungsvoll nachkam, obwohl der Mundvoll von dem Zeugs wirklich fies scharf schmeckte. 

Sämtliche Opfergaben wurden natürlich alle begleitet von Bitten, die Priesterkönige mögen gnädig sein, Jorts Fähre einen so milden Winter bescheren, dass man gar nichts davon merkt und nicht nur den Schnee weg lassen, sondern auch dicke Kleidung und Stiefel. So wirklich eindeutig war der Wille der Priesterkönige zwar nicht zu erkennen, dennoch wurde immer klarer, dass Flüssiges irgendwann genug geopfert worden war und die hohen Herren wahrscheinlich nach etwas Essbarem zum Kauen gelüsteten. Bei einer weiteren riesigen Stichflamme fauchte es nämlich gewaltig, als der Sattler seinen gesamten Becherinhalt mit kühnem Schwung über seine Schulter rückwärts ins Feuer goss… übrigens eine Aktion, bei der die Augenbrauen meines Herrn nur knapp dem Absengeln entgingen. 


Dieses Zeichen wurde zum Anlass genommen, mit dem Opfern der Brezeln und überbackenen Teigfladen zu beginnen. Es ging nach dem Motto „halbe-halbe“, also eine Hälfte essen, um sicherzustellen, dass sie auch schmeckte und die andere opfern. Mein Herr fräste also erst einmal hauptmannsmäßig den ersten Teigfladen weg, um damit die grundsätzliche Opfertauglichkeit dieser Gabe zu bestätigen… der nächste flog natürlich ins Feuer: „Möge dieser Fladen, den ich sonst gegessen hätte, den Winter noch milder gestalten!“ Der Brauer hielt sich lieber an die Brezeln und vermutete: „Ich denke, das ist ein prima Opfer heute…wird bestimmt ein sehr milder Winter.“

Ich befürchtete, die Priesterkönige mögen vielleicht kein verkohltes Essen, doch mein Herr fand Essen zu opfern sehr dekadent, sodass es einfach belohnt werden musste. Naja, solch ein reichhaltiges Paga-Opfer war womöglich auch nicht ideal, doch wer weiß schon, ob Priesterkönige nach zu viel Paga-Konsum zu Kopfschmerzen neigen oder eher zu losgelöster, kunstvoller Kreativität beim Genuss von reichlich Alkohol? Leider ist anscheinend noch nie jemand zurückgekehrt, der das schwarze Tor im Sardar-Gebirge durchschritten hat und nähere Auskünfte hätte geben können.


Nachdem mein Herr schließlich zur Nachtwache aufbrechen musste, die Gnädigste sich ebenfalls zurückzog und die Kessel nach dem Brauereikrieger riefen, war es natürlich an Laya und mir aufzuräumen. Durch meine Überlegungen, die restlichen Teigfladen einfach wieder einzupacken, machte mir der Sattler jedoch einen Strich und befahl: „Kipp den Rest ins Feuer, Arya!“ Mist, irgendwie tat es mir ein wenig Leid um die leckeren Teile, doch Opfer ist nun mal Opfer und vielleicht hilft viel ja auch viel, also hinein damit und zuletzt noch das Paga-Fass.

Da das Fass noch nicht leer war, bezog ich hinter dem Sattler lieber Deckung, hatte ich zuvor doch gesehen, welche Stichflamme schon ein Mundvoll davon erzeugt. „Bist du verrückt geworden, Arya? Doch nicht der Paga… davon kann ich mindestens noch eine Hand trinken!! Weg hier... schnell!!!“ Mist warum hatte er das denn nicht gleich gesagt!? Zu dritt flitzten wir eilig davon, um aus sicherem Abstand zu schauen, was passiert. Hmm… erst einmal tat sich gar nichts und ich wollte schon eine Bemerkung darüber fallen lassen, weil sich der Sattler die Ohren zuhielt, doch dann gab es einen gewaltigen Knall, der bestimmt bis ins Sardar-Gebirge zu hören gewesen war und einen riesigen Feuerball.


Mist, meine Ohren klingelten leise, sodass ich den Sattler nur wie durch Watte irgendetwas grummeln hörte, das für mich in diesem Moment jedoch zweitrangig war. Mit dem lauten Rums war nämlich nicht nur das Fass verschwunden, sondern auch die Feuerstelle, die Teller, die Becher und der Korb. Ok, das Loch im Boden konnte zugeschaufelt werden, aber was würde mein Herr zu dem weggeflogenen Geschirr sagen, auch wenn es nur das alte, schon arg abgenutzte, aber durchaus noch benutzbare gewesen war?! Na gut, benutzbar war jetzt nichts mehr, denn nicht mal mehr ein Henkel war zu finden. 

Eine praktische Seite hatte die Paga-Fass-Aktion zwar… es gab nämlich nichts mehr abzuwaschen und meinem Herrn waren die Becher sowieso immer viel zu klein gewesen. Doch nach den unheilschwangeren Worten des Sattlers „na Arya, dann beichte deinem Herrn mal diesen teuren Rums…“ wappnete ich mich bedrupst vorsichtshalber innerlich doch lieber rechtzeitig für einen weiteren, eher unschönen neuen Namen und lief mir eine geeignete Strategie überlegend, langsam nach Hause.

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