Freitag, 23. Dezember 2016

Grüne Türblockade

Auf irgendeinem Rundgang meines Herrn trafen wir auf dem Marktplatz den Sattler. Im Rahmen des dort mal wieder erforderlichen Platttretens von Pflastersteinen nutzte mein Herr die Gelegenheit, sich bei ihm wegen der Anfertigung eines neuen Sattels für sein Thalarion zu erkundigen. Ach ja… ich muss vorweg noch erwähnen, dass mein Herr sein Thalarion inzwischen auf den Namen des Schmieds umbenannt hatte, nämlich „Myrkur“, um dem Herrn damit die ihm gebührende Ehre zu erweisen. Der Schmied besitzt seit einiger Zeit nämlich ein zahmes Frettchen, das er „Kin“ nennt, also genauso wie mein Herr von den meisten Bewohnern gerufen wird. 


Aber nun zurück zum neuen Sattel… der alte war inzwischen leider etwas ramponiert und mein Herr hatte natürlich kein Interesse an einem Sturz mit möglicherweise schlimmen Folgen. Der Sattler bot an, gleich am nächsten Tag die Maße für den neuen zu nehmen, sodass mein Herr seinen grünen Myrkur zeitig am Morgen vereinbarungsgemäß vor dem Sattlerhaus anpflockte. Er kam dann aber wieder zurück nach Hause, da der Sattler zu dieser frühen Ahn noch schlief. Eine ganze Weile später befahl mein Herr mir eine Tunika überzustreifen, um ihn auf einen Rundgang zu begleiten. In der Oberstadt war wie immer alles ruhig, doch kaum waren wir vor dem großen Stadttor angekommen, als lautes, leicht panisches Gebrüll zu hören war.

„Hilfe! Hauptmann hörst du mich?! Ich komm nicht aus meinem Haus, will aber auch nicht von meinem Balkon springen und der Schmied bricht sich gleich das Genick!!“ Das klang nach unverzüglichem Handlungsbedarf und kam eindeutig vom Sattler, sodass mein Herr seine Schritte in Richtung dessen Haus nun beschleunigte… ich flitzte natürlich hinterher. Es stellte sich heraus, das Thalarion meines Herrn hatte sich zwar nicht losgerissen, sich jedoch so weit gedreht, dass es den Hauseingang komplett versperrte, denn es ist ja ein ganz schöner Koloss von nicht gerade mickrigen Ausmaßen. Der Sattler hatte beim Öffnen seiner Haustür offensichtlich erst eine grüne Wand gesehen und wohl nur knapp verhindern können, dass der grüne Myrkur seinen dicken Kopf mit den scharfen Reißzähnen hinein streckte. 

Bei unserem Eintreffen stand der Herr oben auf seinem Balkon, während der Schmied sich todesmutig auf seinen Namensvetter geschwungen hatte, um den mit lautem „hööhööööhööööö… aaaargs… ruhuuhuiiiiiig“ von der Tür weg zu lenken. Tja, ich glaube das Thalarion verstand die Befehle seines ihm unbekannten Reiters komplett anders als sie gemeint waren, denn es fing mächtig an zu bocken, sodass der Schmied vor, zurück, hin und her geworfen wurde, sich krampfhaft, allerdings nicht wirklich elegant so gerade eben aber noch oben halten konnte, während der Sattler vom Balkon aus entsetzt auf ihn herunter sah und die überflüssige Frage stellte: “Schmied, bist du verrückt? Wenn das grüne Monster jetzt zu Seite tänzelt, brauch ich eine neue Haustür!“ 

Natürlich hatte der tollkühne Reiter keine Zeit für eine Antwort, sah inzwischen auch ein wenig blass um die Nase aus, da ihm das Geschaukel offensichtlich auf den Magen schlug und legte schließlich im hohen Bogen eine Landung ins Gras hin, bei der ich wirklich um seine Knochen fürchtete. Wow… was für ein durchtrainierter Mann! Dem Schmied war nämlich zum Glück nichts passiert und der grüne Myrkur stand wieder ganz friedlich, allerdings immer noch direkt vor der Haustür des Sattlers, der vom Balkon herunter meinem Herrn nun zurief: „Hauptmann, nimm dein Ungeheuer von meiner Tür weg… ich komm wegen dieser grünen Türblockade nicht raus!“ 

„Warum das… ich habe dir doch gesagt, dass ich ihn vor deinem Haus anbinde, damit du ihn vermessen kannst, Sattler!“ erwiderte mein Herr, gab mir aber den Befehl, Myrkur los zu machen und ihn ein Stückchen zur Seite erneut anzubinden, sodass die Sattlertür nicht mehr blockiert wurde. Wie gut, dass ich das Thalarion regelmäßig versorge und es mich daher wohl ganz gut kennt. Während der Schmied voller Begeisterung über seinen Ritt, den er zwar „schlimmer als auf einer Taluna“ nannte, ihn gleichzeitig aber auch lachend als großen Spaß bezeichnete und nun überlegte, Thalarionreiter zu werden, gelang es mir tatsächlich den grünen Myrkur durch leises, beruhigendes Zureden dazu zu bewegen, ein paar Schritte zur Hausecke zu gehen, wo ich ihn dann erneut anpflockte. 


Mein Herr stimmte breit grinsend übrigens zu: „Ja Schmied, du hast das Zeug zum Thalarionreiter… vor allem das aus dem Sattel Fliegen kannst du schon!“ Lieber auf Nummer sicher gehend, sah ich dann zu, wieder ausreichend Abstand zum Thalarion zu bekommen. Der Sattler konnte seine Haustür nun zwar wieder benutzen und hatte sich draußen zu meinem Herrn gesellt, verspürte offensichtlich jedoch wenig Lust, den Bauchumfang persönlich zu messen: „Laya, hol mal mein Knotenband! Heute nimmst du das Maß, denn du bist notfalls ersetzbar… vielleicht kann Arya dir helfen?“ Klar konnte ich helfen und musste es sogar, weil mein Herr befürchtete, dass der Sattler es ihm in Rechnung stellt, wenn der grüne Myrkur Layas Hand abbeißt. Doch alles ging gut und der Anfertigung des neuen Sattels stand schließlich nichts mehr im Weg.


Merkwürdig fand ich übrigens, dass die trotz des Abwurfes vom Thalarion ursprünglich sehr gute Laune des Schmieds irgendwann kippte und er meinem Herrn schließlich wütend drohte: „Also Hauptmann… wenn deine Sklavin das Thalarion noch einmal „Myrkur“ nennt, dann nenne ich mein Frettchen wieder „Kin“ oder ich schneide ihr die Zunge heraus!“ Sofort reagierte mein Herr und rief mir zu: „Arya, wir nennen Myrkur wieder Grüner! Ich hoffe nur, er versteht das und es verwirrt ihn nicht, dass er wieder zurück benannt wurde.“ Ruhe und die vertraute Umgebung war darauf sicherlich das Beste für Grüner, sodass mein Herr sich entschloss, ihn gleich zur Herde zurück zu bringen. Außerdem war damit auch die Gefahr gebannt, dass er sich doch noch entschloss, ins Haus des Sattlers zu gehen… breit genug wäre die Doppeltür bestimmt für ihn gewesen, er hätte seinen dicken Hintern nur etwas bücken müssen! ;-)

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