Dienstag, 31. Januar 2017

Der Kelch darf nie leer sein

Da mein Herr noch mit irgendetwas Rotem beschäftigt war, machte ich mich ohne ihn in die Unterstadt auf. Mit meiner Vermutung, dass vielleicht die Dienste einer Kajira benötigt wurden, lag ich auch tatsächlich richtig… glaubte ich zumindest. Der Brauer und der Schmied strebten nämlich gerade zum Gasthaus, wo sich der seit einiger Zeit in Jorts aufhaltende galicische Sklavenhändler bereits auf einem Sitzkissen niedergelassen hatte und wie so oft war weit und breit keine Kajira in Sicht. 

Doch entgegen meiner Vermutung kam diesmal nicht gleich Arbeit in Sachen Getränkebestellungen auf mich zu. Während ich erst einmal wie es sich gehört den Sklavenhändler freundlich grüßte, stürmte der Schmied gefährlich brummend zum hinteren Tisch und trat wütend gegen eines der Sitzkissen, sodass dieses dem nichtsahnenden Sklavenhändler an den Kopf flog. Als ich dann bemerkte, dass die rechte Hand des Schmieds zum Entsichern der Klinge an seinen Schwertgriff wanderte, war für mich logischerweise größte Eile geboten, schleunigst aus der Reichweite des offensichtlich oberstinkigen Metallarbeiters zu kommen… ich ging hinter dem Brauereikrieger in Deckung.

Dem Brauer entwich bei dieser Aktion des Schmieds allerdings nur ein erstauntes „Huch“, bevor er zu beschwichtigen versuchte: „Nana… ruhig Freunde!“ Dem aufspringenden Sklavenhändler muss jedenfalls sofort klargeworden sein, was dem Schmied die Laune so vermiest hatte, denn er begrüßte den vor Wut Schäumenden damit, seine Kajira habe ihm erzählt, dass er ihm noch einige Kupfer schuldig ist. „Ja, ich warte bereits seit einer Hand auf meine Münzen. Für jeden säumigen Tag berechne ich dir zusätzlich 1 Kupfer Zinsen… das macht dann 15 Kupfer!“ polterte der erboste Schmied, erhielt vom Sklavenhändler aber prompt die ausstehende Zahlung.


Zum Glück sackte der anscheinend immer noch Empörte die Münzen ungehalten brummend ein und sicherte danach auch sein Schwert wieder, erweckte dabei allerdings den Eindruck, als ob er einem Kampf nicht abgeneigt gewesen wäre: „Dem Nächsten, bei dem ich auf mein Geld warten muss, werde ich quer über den Bauch eine Narbe ziehen!“ Hmmm… kurz überlegte ich, ob eine solche Reaktion nicht ein typischer Fall von Hormonstau war, weil der Schmied doch seine Kajirae ständig auf dem Landsitz lässt und an anderen Mädchen wenig bis kein Interesse hat, doch blieb mir keine Zeit, darüber nachzudenken. Ich traute jetzt nämlich meinen Augen nicht, glaubte falsch gesehen zu haben, doch der Sklavenhändler hatte tatsächlich eine Goldmünze auf den Tisch geworfen!

„Komm… setz dich Schmied. Lasst uns saufen, ich lade heute ein!“ ließ sich natürlich niemand zweimal sagen und ich bekam nun auch reichlich zu tun. Allerdings keimten bei dieser gewaltigen Summe von 1 Goldtarn, bei der es sich nach jortsschem Umrechnungskurs um 10 Silber = 1000 Kupfer = 10000 Tarskbits handelte, auch ein paar Befürchtungen in mir, dass nicht nur der Ärger über die säumige Zahlung weggesoffen werden könnte… ob die Köpfe der Männer am nächsten Tag noch durch die Türen passen? Ich schleppte selbstverständlich jedoch nicht nur krüge- und bothaweise Getränke heran, sondern zusätzlich gebergte Platten mit Essbarem, denn mein Herr liebt zu Flüssigem leckeres Essen, besonders wenn es umsonst ist.

Der Brauer hatte übrigens gerade Überlegungen angestellt, wie sehr mein Herr sich ärgern wird, sollte er diesen Freitrunk versäumen, als dieser auch schon zusammen mit seiner Gefährtin auftauchte. Bei dem Anblick der auf dem Tisch liegenden Goldmünze gelüstete es meinen Herrn nun nach Kalana der Sorte Rhoda aus Ar. Er hatte bei diesem edlen Wein auch nichts gegen einen Kelch einzuwenden und sprach ihm natürlich ausgiebig zu, da irgendein besonderer Palmwein für 3 Silber die Botha noch nicht ans Gasthaus geliefert bzw. vom Brauer noch gar nicht bestellt worden war. Erstaunlicherweise trank die Gnädigste ihren Wein diesmal unverdünnt, davon allerdings deutlich weniger als mein Herr und die sich später noch dazu gesellende Schreiberin kostete auch einen halben Kelch davon unverwässert.


Eines war jedenfalls klar, der Sklavenhändler kannte sich immer noch nicht mit den Umrechnungskursen in Jorts Fähre aus. Der Weinkonsum der beiden Frauen war für ihre Verhältnisse vielleicht viel, ansonsten aber nicht der Rede wert, im Gegensatz zu dem der Männer, die reichlich Ale, Paga und besonders Kalana konsumierten. Dennoch war natürlich nicht mal ansatzweise daran zu denken, dass an einem einzigen Abend Getränke im Wert eines ganzen Goldtarns durch die Kehlen rannen… von einer solchen Summe kann man nämlich mindestens einen halben Umlauf oder sogar noch länger leben. Wobei sich der Brauer, im Gegensatz zu den anderen zunehmend gelösteren Zungen, bis zuletzt darüber ausschwieg, was eine Botha dieses besonderen Weins der Sorte Rhoda aus Ar kostete.

Besonders interessant fand der Sattler offensichtlich, dass die Gnädigste… kalanabedingt wohl etwas lauter als geplant… der Schreiberin nun endlich das Ergebnis ihrer Kräuteruntersuchung mitteilte… die Blaue hatte Kandablätter gekaut! Doch mehr als breit grinsend „na, das erklärt Einiges…“ kommentierte er dazu nicht, sondern wandte sich seinem Neuerwerb zu, die es diesmal anscheinend nicht nur mit den Ohren hatte, sondern außerdem irgendetwas mit ihren Füßen. Genaueres bekam ich bei dem mit zunehmenden Getränkekonsum immer lauter werdenden Stimmengewirr allerdings nicht mit, zumal die Anweisung meines Herrn lautete: „Arya, ohne großes Tamtam immer meinen Kelch wieder füllen… er darf heute nie leer sein, damit wir den Goldtarn vielleicht doch noch schaffen.“

Letztendlich gelang es natürlich nicht, Getränke und Speisen im Wert dieser Goldmünze zu verprassen, obwohl niemand nüchtern oder hungrig nach Hause ging. Immerhin musste ich nicht den Handkarren für den Rücktransport meines Herrn holen… das Abstützen auf mir reichte, um sein Schwanken zu stabilisieren. Zu Hause angekommen stellte ich auch nur schnell den Korb mit den eingepackten Bothas und dem dicken Lebensmittelpaket auf der Küchenanrichte ab, ohne wie sonst als erstes meine Kleidung abzustreifen. Viel wichtiger erschien mir nämlich, meinen Herrn gleich weiter Richtung Treppe zu bugsieren… unten zu schlafen hatte er nämlich empört von sich gewiesen.


Mit meiner Hilfe kam er oben zwar leicht wankend, aber dennoch ohne Sturz an, meckerte allerdings über ein fehlendes Treppengeländer und beschloss, im neuen Haus eines nachrüsten zu lassen. Kaum aus seinen Stiefeln, bemerkte er jedoch meine Kleidung: „Arya, zieh dich aus!“ Tja, meine Sachen mit wenigen Handgriffen abzustreifen, war ein Leichtes, doch auch meinen Herrn konnte ich schließlich entkleidet zu seinem Fell geleiten, wo er dann einige Ihn herumfummelte, bis er es schaffte, das Schloss an meinem Kragen einzuhaken… ich durfte nämlich wieder auf seinem schönen weichen Fell schlafen. Einen Eimer und vor allem einen Krug mit Wasser durfte ich allerdings nicht mehr holen. Mal abwarten, was der Morgen nach diesem Abend mit nie leerem Kelch bringen wird. ;-)

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