Dienstag, 17. Januar 2017

Grüne Behandlung

Mein Finger nervte über Nacht, war sehr druckempfindlich und pochte leicht. Doch darüber ließ ich am Morgen erst mal nichts verlauten und ging meinen Aufgaben nach… vielleicht wurde er doch noch von alleine besser und ich kam um einen Besuch in der Krankenstation herum? Nach einigen überflüssigen Behandlungen in meiner Gorvergangenheit bei Mitgliedern dieser Kaste, bin ich jeden Tag dankbar, wenn meine zum Glück sehr robuste Gesundheit mich nicht im Stich lässt und ich keine fiesen Einläufe, hässlich grün gefärbte Haare oder diverse andere Schikanen bekomme und auch nicht an medizinischen Experimenten teilnehmen muss.

Nachdem schließlich auch das Geschirr abgewaschen war, lief ich erst einmal nach oben und entdeckte meinen Herrn samt Gefährtin auf dem Balkon, wo sie sich übers Wetter unterhielten. Abwartend kniete ich mich lautlos in den Hintergrund, wie es sich für eine wohlerzogene Kajira gehört, um nicht unnötig zu stören. Doch so wie mein Herr zu mir hinüber schauend brummte, gefiel ihm meine Rücksichtnahme nicht und meine Sprachlosigkeit inzwischen wohl auch nicht mehr: „Versteckt sich da jemand? Arya wirkt etwas stumm heute… ob das am Tuch in ihrem Mund liegt?“ Damit ich meinen Aufgaben nachkommen konnte, hatte er am Morgen zwar meine Fesseln gelöst, das Knebeltuch jedoch nicht.

Offensichtlich sah mein Herr jetzt den richtigen Zeitpunkt gekommen, mich von dem ekelig schmeckenden Knebel zu befreien und die Gnädigste erlaubte mir netterweise, etwas Wasser zu trinken und mir ein paar Essenreste in den Mund zu stopfen. Leider war unten in der Küche vom Balkon nur leises Murmeln zu hören… worum es ging, konnte ich nicht verstehen, bin zum Glück ja aber auch nicht neugierig. Blöderweise stieß ich mit meinem in Mitleidenschaft gezogenen Finger irgendwo gegen und spürte unangenehmes Stechen… es musste wohl noch ein Stückchen von dem Splitter drin stecken. Leider war mein Herumquetschen am Finger äußerst schmerzhaft und förderte nicht wie erhofft einen Splitterrest zutage. 

Wieder oben ließ ich mir selbstverständlich nichts anmerken, denn erstens kennt eine Kriegerkajira keinen Schmerz und zweitens kommt der Rest vom Splitter bestimmt irgendwann von alleine heraus. Sich sehr nachdenklich am Kinn kratzend musterte mein Herr mich erneut: „Arya, war da nicht noch etwas? Hast du das letzte Holz weggebracht und wie viele Splitter hast du dir dabei noch eingefangen?“ Args… warum musste er jetzt vor seiner Gefährtin von weiteren Splittern sprechen? Schnell betonte ich, wie vorsichtig ich gewesen war, als ich diese Arbeit erledigt hatte. Doch damit war für meinen Herrn das Thema noch nicht erledigt: „Wie geht es deinem Finger, Arya… was hatte ich dir dazu gesagt?“


„Finger? Was ist mit deinem Finger? Harta… herzeigen!“ ließ mich näher zur Grünen rutschen und ihr umgehend meinen Splitterfinger entgegen strecken. Wahhh… nur kurz wurde meine Hand hin und her gedreht, bevor mir auch schon gänzlich ungeplant, irgendein langgezogener Ton entwich, als einer der grünen Finger einen äußerst schmerzhaften Punkt piesackte. „Hmm, hmmmm… das gefällt mir gar nicht… da ist eine dicke Entzündung drin, Arya. Ich befürchte, ich muss schneiden“, lautete das vernichtende grüne Urteil. Mein Herr gab diverse langgezogene „Oooohs“ von sich, nannte mich dann „Neunfinger-Arya“ und bot an: „Soll ich die Axt zum Amputieren des Fingers holen? Ein Schlag und es ist vorbei… ein Finger weniger oder mehr macht doch keinen Unterschied!“

Na toll… die Gnädigste bezeichnete eine Sklavin mit neun Fingern sogar als „eine Besonderheit“ und wunderte sich kopfschüttelnd, wie dumm ich doch bin, dass ich mir bei den Holzarbeiten keine Reptücher zum Schutz um die Hände gewickelt hatte… klar, hinterher ist man immer schlauer, nur half mir das jetzt auch nichts mehr. Ich änderte meine Taktik und fing an zu betteln, meinen Finger bitte dran zu lassen und bot sogar freiwillig an, stattdessen doch lieber so einen schrecklichen Einlauf zu nehmen. „Der hilft nicht gegen eine Entzündung, Arya“, wurde mein Vorschlag für mich vollkommen unerwartet jedoch abgetan… huch?


Da auch mein Herr jetzt einsah, falls er mich mal verkauft, wäre es gut, wenn noch alle meine Finger dran sind, befahl mir seine Gefährtin mit äußerst energischem Tonfall, ihr in die Krankenstation zu folgen. Ohne ein einziges Widerwort hatte ich es jetzt tatsächlich eilig, zog mir weder etwas über, noch bemerkte ich, was vor der Haustür lag. Erst als mein Herr sich lautstark empörte „Wer stellt denn einen Sulsack vor meine Tür? Da kann man sich ja das Genick brechen!“ wurde mir klar, der Schmied hatte offensichtlich die versprochenen Suls von seinem Landsitz mitgebracht. Doch darüber freuen konnte ich mich erst später, da ich nun auf die Krankenliege beordert wurde und mit Entsetzen die gefährlich aussehenden Utensilien musterte, die die Grüne neben mir ablegte.

Erneut untersuchte sie meinen Finger, ging diesmal allerdings außer mit dem fies brennenden grünen Paga sehr sanft mit mir um und erklärte schließlich freundlich: „Es sieht so aus, als ob noch etwas drin ist vom Splitter. Bevor ich schneide, versuchen wir aber erst eine Salbe. Ich nenne sie Zugsalbe, weil sie einen Wirkstoff hat, der hoffentlich den Splitterrest herauszieht. Auf deinen Finger aufgetragen, mit Verband herum, bleibt sie zwei Tage drauf und dann schaue ich es mir wieder an.“ Mein bewickelter Finger sah zwar nicht schön aus, aber außer der Desinfektion war nichts unangenehm gewesen. Ich hätte also weder meine Luft anhalten, noch mir auf die Unterlippe beißen müssen, um keinen Piep von mir zu geben… eine Hauptmannkajira stellt sich bei sowas nämlich nicht an.


Mein Herr war bereits in die Unterstadt gegangen, verlangte nun aber nach der jammerfreien Behandlung ohne Einlauf oder andere Mordattentate meinen Finger zu sehen. Davon ließ er sich auch nicht abbringen, obwohl ich darauf hinwies, dass außer der Fingerspitze wegen des Verbands nichts von ihm zu sehen ist. „Arya, ich bevorzuge dich mit zehn Fingern, also lass den Verband dran und pass vor allem auf, dass dein Finger dran bleibt! Aber nun geh und kümmere dich um unsere Getränke, ohne ist der Abend nämlich nichts“, ermahnte mein Herr mich noch kurz mit Pagagelüsten und danach war eigentlich alles fast wieder so wie immer beim platt Treten der Pflastersteine auf dem Marktplatz.

Nachdem sich die Gnädigste beizeiten zurückgezogen hatte, kündigte mein Herr an, dass er noch zum neuen Garten will. Ich vermute allerdings, der neue Wassertrog für Fenris war zweitrangig… es ging ihm vor allem um das umgesetzte Sklavenloch. Ich wurde nämlich aufgefordert zu prüfen, ob inzwischen wirklich alles ausgehärtet und das Teil benutzbar ist… doch das hatte der Schmied bereits vor einigen Tagen bestätigt. Bei der Frage ob Ungeziefer drin ist, musste ich mich leider etwas weiter vorbeugen und spürte prompt einen Stups gegen mein Hinterteil, konnte mich aber gerade noch halten. „Arya, pass doch auf… nicht, dass du reinfällst und der Deckel geht zu!“ Hmmm… überlegte mein Herr wirklich, mich in das Loch zu stecken?


Er entschied sich um, zog stattdessen an meinem Ohr: „Arya, ich hatte dir gestern gesagt, dass du deinen Finger untersuchen lässt und was machst du? Du druckst herum!“ Schnell beteuerte ich, dass ich das noch vorgehabt hatte, aber seine Balkonzweisamkeit doch nicht mit einem Holzsplitter hatte stören wollen und nur auf den richtigen Moment dafür gewartet hatte. Ich wurde belehrt, dass ihm eine neun Finger Arya wichtiger ist, als ein Balkongespräch mit seiner Gefährtin. Ungehalten brummend zog er mich dann am Ohr ganz nahe zu sich heran: „Stell dir vor, wie lange du nicht richtig arbeiten kannst, wenn man dir deinen Finger absägt… wer soll dann die Kajiraarbeiten erledigen? Also war die Behandlung wichtig!“ Tja, wie immer hatte mein Herr natürlich Recht. ;-))

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