Montag, 16. Januar 2017

Holzfällertag

Mein Herr stand bereits ungeduldig brummend draußen vor der Haustür und rief maulig nach mir. Ich hatte mich zwar gleich am Morgen nach meinem Training auf der Stadtmauer um die Säge und ein geschärftes Beil gekümmert, die inzwischen auch im Garten auf der Bank lagen, doch danach muss mir komplett entfallen sein, dass es an diesem Tag wegen Brennholz in den Wald gehen sollte. Mist, in meiner Eile zog ich jetzt nämlich die Tunika vom Vortag an, die eher zu den besseren zählt. So intensiv, wie mein Herr mich musterte, wurde mir mein Fehler allerdings sofort klar, außerdem brummte er mich an: „Arya, willst du mich auf den Arm nehmen? So gehen wir nicht in den Wald… zieh dir etwas Altes an… zack, zack!“

Wie sehr ich mich jetzt beeilte, ist sicherlich nachvollziehbar. Wasser und etwas Proviant war schnell in die Umhängetasche gepackt und der Handkarren aus dem neuen Garten geholt, bevor das Brummen meines Herrn noch stinkiger wurde. Im Wald angekommen, sollte ich einen Baum aussuchen, doch bei der riesigen Auswahl war die Entscheidung nicht leicht, zumal ich mich mit Entscheidungen eh meistens ziemlich schwer tue. Meine Wahl fiel schließlich auf eine Ansammlung ca. oberschenkeldicker Bäume, die vermutlich leicht zu fällen waren und außerdem wegen ihrer relativ geringen Stammdicke hinterher nicht noch gespalten, sondern nur in einzelne Stücke auf geeignete Ofenlänge gesägt werden mussten.


„Nein Arya, die lohnen nicht… da ist zu viel dran zum Entasten im Verhältnis zur Baumdicke“, lehnte mein Herr meinen wie ich fand sehr guten, nämlich weniger gefährlichen Vorschlag ab und suchte einen anderen Baum aus. Er wählte nach einigem Hin und Her einen Baum, der so lang war, dass er fast bis zum Sattlerhaus reichte und sollte er unkontrolliert Richtung Oberstadt fallen, hätte er mit Sicherheit die Stadtmauer durchschlagen und das neue Haus meines Herrn getroffen. Ich fand den zu groß und zu dick und was noch viel schlimmer war, er stand in der Nähe eines großen, hohlen Stamms, in dem eine Monsterspinne ihr riesiges Spinnennetz gesponnen hatte. 

Das Biest war zwar nicht zu sehen, konnte jedoch jederzeit auftauchen und veranlasste mich, mittelprächtig nervös die Umgebung zu beobachten. Natürlich entging mein Verhalten meinem Herrn nicht, nach dem Eingeständnis meiner Angst vor der achtbeinigen Gefahr, beruhigte er mich jedoch: „Ich pass auf, Arya, mach dir keine Sorgen… mit Spinnen in Boskgröße kenne ich mich aus! Und nun Axt an den Rarius, wenn du weiter so guckst, brumm ich und lass dich alles alleine machen.“ Danach spuckte er sich voller Tatendrang in die Hände und ich beeilte mich, ihm die Axt zu reichen, mit der er nach fachkundiger Beurteilung des Rück-Seithängers dann auf den dicken Baumstamm einhackte. 

Ich parkte den Handkarren lieber noch etwas um, denn sollte er vom Baum getroffen werden, hätten wir zwar weiteres Brennholz, ich leider jedoch reichlich zu schleppen, was sich auch mit Karren als echte Schwerstarbeit herausstellen sollte. Während zwischendurch mit unverwechselbarem Hauptmanngrummeln zu hören war, dass der Baumstamm härter ist als er aussieht, beobachtete ich übrigens weiter die Umgebung in Sachen Spinne. Allerdings bewunderte ich vor allem die Kraft meines durchtrainierten Herrn, der die Axt so selbstverständlich schwang, wie ich einen Kochlöffel beim Umrühren von Soßen. Schließlich hatte er den Fallkerb sauber angelegt und die Säge kam zum Einsatz.


Um zu verhindern, dass ein Waldspaziergänger aus Versehen vom Stamm erschlagen wird, durfte ich kurz bevor mein Herr den Baum dann tatsächlich zu Fall brachte, so laut ich konnte rufen: "AAAAACHTUNG… Baum FÄÄÄÄÄÄÄÄÄLLLT!!!!!!!" Aus Sicherheitsgründen brachten auch wir uns mit beginnendem Knistern der splitternden Baumfasern in Deckung, denn man weiß ja nie ganz genau, ob aus der Baumkrone nicht doch noch Totholz herausgeschossen kommt. Der Waldboden erbebte kurz, aber alles klappte wie geplant. „Arya, während ich entaste, beginnst du schon mal mit dem Durchsägen des Stamms… ich helfe dir danach dabei. Wir nehmen alles mit… die dickeren Äste sowieso aber auch das Kleinzeug zum Anzünden.“

Das transportklein machen des Holzes war eine ziemliche Plackerei, die bei mir leider nicht ganz ohne Spuren blieb, weil ich mir einen dicken Splitter beim Aufladen auf den Handkarren in meinen Zeigefinger rammte. Mein Herr bot zwar sofort an „warte Arya, wir amputieren gleich hier vor Ort“, doch fand ich „selbst ist die Kajira“ angebrachter. Nach kurzem Quetschen bekam ich das blöde Ding tatsächlich heraus und hielt es siegreich wie eine Trophäe in die Höhe. „Na, da hast du Glück gehabt, Arya, ich hätte sonst mit meinen Fingern nachgeholfen… blutet es noch?“ Da eine Kriegerkajira selbstverständlich hart im Nehmen sein muss, schüttelte ich verneinend meinen Kopf und nahm meine Holzverarbeitungstätigkeit wieder auf.

Es war echte Schwerstarbeit, die den ganzen Tag in Anspruch nahm und in meinem Finger piekte es trotz entferntem Splitter ab und an immer noch. Dank ausreichend Wasser und Proviant überlebten wir aber und als es schließlich dämmerte, war fast alles Holz in den neuen Garten gekarrt. Um den Rest durfte ich mich am nächsten Tag kümmern. Die Kleidung meines Herrn war mit Holzspänen übersät und ich sah inzwischen nicht nur ziemlich dreckig, sondern auch zerkratzt aus, weil ich als Abkürzung den Weg durchs Notfallseitentor ausprobiert hatte, der wegen dichtem Gebüsch allerdings nicht zu empfehlen war. „Wir gehen jetzt nach Hause und du lässt Badewasser ein… aber warmes diesmal und wir nehmen die Seife nicht für den Mund, Arya“, war ein Befehl, dem ich nur zu gerne nachkam.


Hach… es war einfach unbeschreiblich toll, zu meinem Herrn in die Wanne steigen zu dürfen und genau das Richtige nach der Schufterei im Wald. Das Wasser kühlte auch kaum ab, bis wir es zu sehr später Ahn schließlich tiefenentspannt aber doch verließen. 

„Arya, für ein solches Bad lohnt es sich ja doch, öfter in den Wald zu gehen“, meinte mein Herr zufrieden schmunzelnd, während ich ihn abtrocknete. Er bestätigte jedoch meinen Hinweis, baden geht auch ohne Wald, außer man beabsichtigt eine Holzhandlung zu eröffnen und verlangte, dass ich ihm noch meine Kratzer zeige. Von denen war zum Glück kaum noch etwas zu spüren, sodass ich die untersuchenden Berührungen meines Herrn, dessen Hand sehr sanft über meine Haut strich, total genoss und mich am liebsten schon wieder an ihn geschmiegt hätte. 

Nach sehr unangenehmen Erfahrungen, habe ich es wirklich nicht mit grünen Behandlungen und bin auch nicht besonders zimperlich. Doch inzwischen sah ich ein, dass mit meinem Finger irgendetwas nicht stimmte, so komisch wie der sich anfühlte und außerdem piekte es in ihm, als mein Herr darauf herumdrückte. „Hmm, hmm… oh, ohh, ohhh!“ war erst zu hören und dann: „Also das Arya, ja das ist hui, hui, hui… der muss vielleicht amputiert werden! Auf jeden Fall muss sich das morgen meine Gefährtin ansehen. Vielleicht kann eine Spritze gerade noch verhindern, dass der Finger abfault.“ Damit schaffte mein Herr es, dass ich ihm vor lauter Angst sofort mit großem Arya-Ehrenwort versprach, den Finger tatsächlich der Grünen zu zeigen… außer natürlich, er wird über Nacht von ganz alleine wieder wie neu. ;-)

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