Mittwoch, 11. Januar 2017

Warmer Abriss

Eigentlich wollte ich zum Schmied, um auf Befehl meines Herrn zusätzlich noch Gitter für die Fenster im Obergeschoss seines neuen Hauses zu bestellen. Nichts Schlimmes ahnend, nahm ich den Weg am Hafen entlang und bog in die schmale Gasse zwischen Schmiede und Brauerei ein. Oh je, dort blieb mir fast das Herz stehen, als ich mich vollkommen unerwartet plötzlich einem gewaltigen Bosk gegenüber sah, der mich nicht nur böse anglotzte, sondern gleichzeitig seinen gewaltigen Kopf mit den gefährlichen Hörnern drohend in meine Richtung senkte, sodass ich vor Schreck laut um Hilfe schrie und Reißaus nahm. 


„Wer schreit hier herum… Arya, warst du das!?“ hörte ich meinen Herrn von irgendwo gar nicht so weit weg rufen, kaum dass ich nun in der Hoffnung, der dicke Bosk würde in dem engen Durchgang oder im Torbogen hinter mir stecken bleiben, meinen Rückwärtsgang einlegte und schließlich am Infobrett vorbei zum Marktplatz sauste. Ich entdeckte meinen Herrn auf der Gasthausterrasse und beeilte mich selbstverständlich umgehend, mich für mein Geschrei zu entschuldigen und ihn um Verzeihung zu bitten, denn mein Herr betont doch ständig, dass lautes Gebrüll nur ihm und sonst niemandem in der Stadt zusteht… also auch nicht seiner Kajira. Obwohl er sich bereits über diesen Bosk geärgert hatte, war er mir gegenüber zum Glück sehr milde gestimmt, . 

Vor Schreck war mir übrigens komplett entgangen, dass das Viech Georg war und dem Schmied gehört, dort mit angespanntem Karren anscheinend sogar bereits seit dem Vortag parkte. Sein Besitzer hatte eigentlich weitere Möbel zum Landsitz transportieren wollen, weil sein Kontor doch aus allen Nähten platzt, nachdem er sein Oberstadthaus aufgegeben hatte. Mit der nun endlich vorliegenden Abriss- und Baugenehmigung für ein neues Haus hatte er es sich aber offensichtlich spontan anders überlegt. „Ich werde dem Eigentümer des Boskkarrens einen Strafzettel wegen Versperren des Durchgangs verpassen… er muss umparken! Wenn er das nicht tut, zahlt er einen Kupfer die Ahn fürs Blockieren eines wichtigen Weges, denn gestern stand der Wagen dort auch schon. Am besten ist, wenn Tintenklecks ihm gleich den Strafzettel überbringt.“


Damit spannte mein Herr die untätig auf der Gasthausterrasse kniende Kajira der Schreiberin ein, die sich wohl auch als Unfreie immer noch gerne in seiner Nähe aufhält. Dies erwies sich nun als sehr praktisch, denn sie machte sich mit dem Zettel sofort Richtung Schmiede auf. Mein Herr hoffte natürlich, sie würde beim Überbringen der frohen Botschaft besonders nett zum Schmied sein, damit der Herr nicht wegen falschem Parken schlechte Laune bekam und den Preis für die beauftragten Gitterstäbe womöglich erhöhte. Der Strafzettel kam zwar von meinem Herrn, war aber selbstverständlich im Namen der Stadt ausgestellt worden und die Strafe muss daher in die Stadtkasse entrichtet werden. Trotzdem bestand vielleicht Gefahr, dass der Schmied dies nicht von der Gitterstabrechnung trennen konnte?

Mit dem Eintreffen des Brauereikriegers, wollte mein Herr sich eigentlich beim Würfeln noch einen gemütlichen vor dem Dienst Paga gönnen, denn leider hatte er wieder die schreckliche Nachtwache erwischt. Zwar durchaus verständlich, aber trotzdem oberdoof war jedoch, sein total unbarmherziger Freund wollte diese blöde Wache leider nicht für ihn übernehmen. 

Nicht sonderlich weit über die Klärung hinaus, statt um Sancari und mich lieber um die Zeche zu würfeln, kamen die beiden Männer allerdings nicht, als der leicht empörte Schmied am Gasthaus eintraf: „Sagt doch, dass Georg im Weg gestanden hat! Ich habe jetzt aus- und umgeparkt und diesem Tintenklecks den Kupfer in ihr Spardöschen gesteckt… viel Spaß beim Herausholen. Nun gehe ich auf die Baustelle... wundert euch also nicht, falls es gleich qualmt… ich mache dort nämlich Feuer.“

Mein Herr frotzelte noch übers Auspinkeln der Flammen, kaum dass der Schmied davongestampft war, doch als es kurz darauf tatsächlich äußerst brenzlig roch und man die Flammen schon von weitem sehen konnte, machte sich großes Unbehagen breit. „Herrje… Feuer!“ rief der Brauereikrieger entsetzt und nachdem wir den Hang hinter dem Marktplatz hinauf gelaufen waren wollte mein Herr wissen: „Schmied, was hast du gemacht?!“ „Ach, nur einem warmen Abriss!“ war die belustigte Antwort des Metallhandwerkers. „Aber doch keinen sooo WARMEN Abriss!“ empörte sich mein Herr, wurde vom breit grinsenden Schmied jedoch damit beruhigt, dass das Feuer gleich von alleine wieder ausgeht und außerdem für den Notfall ein Brunnen in der Nähe ist.


In der Hoffnung, meine Haare werden nicht abgesengelt, schöpfte ich schnell einige Eimer Wasser aus dem Brunnen neben dem inzwischen lichterloh brennenden Haus und stellte sie bereit zum Löschen. Sie wurden zum Glück aber nicht gebraucht, da die Flammen tatsächlich bald darauf erloschen. Einzig wegen möglicher Glutnester war noch eine Weile vorsichtige Beobachtung angesagt gewesen, weil natürlich große Einsturzgefahr bestand. Doch genau darum ging es dem Schmied bei dieser Aktion… das gesamte Haus soll nämlich abgerissen werden. Seine beiden Kajirae werden begeistert sein, sich nun um die Entsorgung des ganzen Bauschutts kümmern zu dürfen, damit ihr Herr an derselben Stelle sein neues Haus bauen kann. Es wird allerdings nicht wie bislang eine offene Terrasse mit Torbögen haben, sondern ein geschlossenes Erdgeschoss. 

Hmmm… ich bin zwar nur eine kleine Kriegerkajira, aber ich hätte in die gemauerten Bögen einfach Fenster und eine Tür einbauen lassen. ;-)

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