Dienstag, 25. April 2017

Stippvisite oder Heimkehr?

Während ich zuhause noch ein paar Dinge zu erledigen hatte und ihm dann folgte, war mein Herr schon voraus gegangen zum großen Stadttor. Den Blick vom Tor über die Unterstadt und den Hafen genießend, wollte er sich nicht entgehen lassen und vor allem rechtzeitig mitbekommen, sollten Besucherbrigaden eintreffen. Ok, es trafen keinerlei Brigaden ein, sondern an diesem Tag nur eine rot gekleidete Frau, die vom Anleger Richtung Marktplatz strebte und das Vorhaben meines Herrn zunichte machte. Durstig und spendierfreudig aufgelegt, hatte er nämlich an diesem Abend nach dem Verlassen seines Beobachtungspostens eigentlich den Brauer zum Sturzsaufen einladen wollen... allerdings ohne unrühmliche Heimkehr im Handwagen, sondern mit Würde.

Der Brauereikrieger erreichte übrigens kurz vor meinem Herrn die Besucherin und erkundigte sich höflich wie er nun mal ist, ob er ihr behilflich sein kann. Sein Gruß wurde von dem Weib freundlich erwidert und der Brauer mit Namen begrüßt. Die Frau stellte sich vor, doch genau wie der nun restlos irritiert aussehende Angesprochene tappte danach auch mein Herr weiter im Dunkeln: „Arya, ich habe es doch nicht so mit Namen… sagt er dir etwas?“ Das Namensgedächtnis spielte ihm wie so oft einen Streich, denn mir sagte der Name tatsächlich etwas… das Weib hatte sich vor vielen Märkten in Jorts Fähre als Zeugmeisterin versucht, war dann aber wegen einer Erbschaft irgendwohin verschwunden. 

Dem Krieger ging immer noch kein Licht auf, doch mein Herr erinnerte sich nach meinem Hinweis auf ihr Amt in der roten Kaste nun tatsächlich wieder. „Stimmt… ja, das ist aber lange her! Ich dachte, jemand hätte dich an eine Kette gelegt“, gab er überrascht von sich und erzeugte damit nun eine hochgezogene, weibliche Augenbraue. „Eine Kette steht mir nicht, das solltest du schon wissen oder bist du so alt geworden, dass dein Gedächtnis zu schwächeln beginnt?“ erwiderte das Weib pikiert. Während ich sie nach dieser abfälligen Unterstellung empört, allerdings stumm anfunkelte, stellte mein Herr umgehend klar, dass sein Gedächtnis erstklassig ist und erkundigte sich, wo die Zeugmeisterin so lange gesteckt hatte.


„Nun, ich wurde in Ar beim Sortieren meiner Angelegenheiten aufgehalten… manche Dinge bedürfen mehr Aufmerksamkeit und dauern…“ gab die Freie ziemlich vage nur Auskunft und ergänzte mit Blick auf mich: „...und wie ich sehe, habt ihr feurige Sklaven… hüte dich, Mädchen.“ Pahhh, dieser Hinweis war nicht nötig gewesen. Erstens bin ich vor freien Frauen sowieso auf der Hut und außerdem erinnere ich noch sehr genau, wie fies sich die spitzen Fingernägel dieses Weibs seinerzeit anfühlten, mit denen sie mich gekrallt hatte, als ihr irgendetwas an mir nicht gepasst hatte.

Mein Herr und der Brauer vertagten natürlich ihr Sturzsaufen und luden die Zeugmeisterin stattdessen zu einem Getränk auf der Terrasse ein, damit sie erzählen konnte, wie es ihr in den vielen Märkten seit ihrer Abreise aus Jorts Fähre ergangen war. „Ich komme mit ins Gasthaus, aber zu erzählen gibt es da nicht viel…“ winkte sie jedoch ab und nahm übrigens erst auf dem vermeintlichen Kissen des Händlers Platz, nachdem sie von meinem Herrn erfahren hatte, dass dieser Herr dort schon sehr lange nicht mehr gesessen hat und somit jeglicher Anspruch hinfällig.

„Für mich weißen Kalana, aber schön kühl“, war eine Bestellung, mit der ich leider nicht dienen konnte. In Jorts Fähre wird doch nur roter Wein angebaut und selbstverständlich lag mir nichts ferner, als dieser Frau ihren Getränkewunsch aus dem Privatbesitz des Landsitzkriegers zu erfüllen! Tja, meine Nachfrage, ob es auch roter Kalana sein darf, wurde abgelehnt… den trinkt sie „mit Sicherheit nicht“. Die Frau ertrug jedoch mit Geduld, dass ihr Tee mangels heißen Wassers auf dem Küchenfeuer zu meinem Bedauern eine gaaaaanze Weile länger brauchte, als der Kalana für meinen Herrn und das dem Brauer servierte Ale.


Interessant fand ich, dass die Zeugmeisterin vom Kommandanten aus Belnend Grüße überbrachte, der nach seiner Schlappe gegen den Norden auf dieser unbekannten Insel anscheinend schon wieder von Nordleuten überrannt worden war. Er liebt solche Auseinandersetzungen ja und macht auch zwischendurch gerne Urlaub bei irgendwelchen Waldweibern. Diesmal kann es allerdings auch umgekehrt gewesen sein, so genau hatte die Rotkastige das Geschehen offensichtlich nicht verfolgt, zumal sie wohl sehr damit beschäftigt gewesen war, sich über verlauste Nordmänner in Belnend zu ärgern. Ihre Informationen bestätigten jedenfalls die derzeitigen Bestrebungen von Kafal und Jorts Fähre für einen besseren Zusammenhalt des Südens, aber mir wurde immer unklarer, ob diese Freie tatsächlich der roten Kaste angehört… ich bin eben nur eine einfache Kajira. 

Nur warum behauptete die Zeugmeisterin einerseits, ihr Heimstein sei immer noch Jorts Fähre, dachte aber kein bisschen im Sinne der jortsschen roten Kaste und sah Nachwuchswerbung sowieso nicht als ihre Aufgabe an: „Wenn ich Krieger im Gepäck hätte, die etwas taugen, würde ich die sicherlich nicht hergeben.“ Kamen ihre Worte von den Anstrengungen der Reise, die inzwischen ihren Tribut forderte und das Denken erschwerte? Ambitionen, sich bei den mit Kafal besprochenen Plänen für eine Allianz des Südens einzubringen, um das Wichtigste für jeden Goreaner, nämlich den eigenen Heimstein zu sichern, hatte sie jedenfalls nicht: „Wie bitte? Was haben eure Vorbereitungen mit mir zu tun!? Ich will mit dem Norden nichts zu tun haben und der Süden täte gut daran, sich mal um sich selbst zu kümmern...“ Ja genau!!!

Es muss tatsächlich die Müdigkeit gewesen sein, denn das Weib ließ sich recht früh von mir ein Zimmer im Gasthaus zeigen und zog sich zurück. Spannend finde ich, wie wird diese Freie ausgeschlafen sein, war ihr Eintreffen nur eine Stippvisite oder die Heimkehr einer jortsschen Zeugmeisterin? ;-)

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