Montag, 15. Mai 2017

Das Südheer schlägt zu

Ich gestehe, ich war ein wenig aufgeregt. Mein Herr hatte nämlich erneut seine Beteiligung an einer Aktion des Südheers zugesagt, dem Verbund aus inzwischen etlichen Städten des Süden Gors. Offensichtlich hatte irgendjemand seine Klappe nicht halten können und dem Norden von den Plänen der Allianz erzählt. Man tat deswegen einfach so, als hätte der Süden kalte Füße bekommen und ließ den Feind sich eine Weile in Sicherheit wiegen. Die Zeit des Abwartens war vorbei, als schließlich ein Bote mit einer Nachricht eintraf. „Arya, bereit machen zum Abmarsch… es geht mit dem Tarn nach Fensalir!“ befahl mein Herr mir in größter Eile und auch der Brauereikrieger sprang sofort auf. 

Nur wenige Ehn nach unserem Eintreffen im Norden begann der Angriff des Südheers, der diesmal übrigens nicht vom belnendschen Kommandanten befehligt wurde. Um Deckung bemüht, ließ ich mich etwas zurückfallen, verlor im Kampfgetümmel irgendwann leider jedoch meinen Herrn aus den Augen, als ich bei einem Krieger aus Belnend eine kleine Verletzung verband und einem Ohnmächtigen auf die Füße half. Zu diesem Zeitpunkt ahnte ich übrigens noch nicht, wie wichtig sich dieser Krieger noch nehmen würde. Einzig wichtig für mich war, schließlich den laut durchs Dorf gebrüllten Befehl meines Herrn zu hören, denn nun wusste ich, es ging ihm gut: „Gefangene fesseln und bereit machen zum Abrücken!!!“

Auf der Suche nach ihm, lief ich dem ebenfalls unverletzten jortsschen Brauereikrieger über den Weg, der gerade einen Nordmann überwältigt hatte: „Arya, fessel diesen Mann hier mal… mein Seil ist anscheinend zu kurz.“ Nichts leichter als das. Der Kerl knurrte zwar leise, war wegen einer Platzwunde am Kopf ansonsten aber so benommen, dass er sich anstandslos verschnüren ließ. Inzwischen trieb mein Herr zu großer Eile an und da die Wunde nicht gerade schön aussah, aber auch nicht unbedingt lebensbedrohlich, verzichtete ich vorerst auf das weitere Verarzten des Gefangenen… später war noch Zeit genug dafür.

Ich sah also zu, mit dem leise vor sich hin fluchenden Nordmann aufs Schiff zu kommen, nachdem er wieder einigermaßen stehen und gehen konnte. Die Gefangenen sollten diesmal nach Enkara gebracht werden. Ich war übrigens heilfroh, mich nicht um die Frau kümmern zu müssen, die mein Herr hinter sich her zog. So wie sie ihn angiftete war ich den Priesterkönigen unendlich dankbar, dass ich die Gedanken des Weibs nicht lesen konnte! Merkwürdigerweise schien sie meinem Herrn jedoch zu gefallen. „Wir gehen auf Reisen, schöne Nordfrau.“ Damit schubbste er das Blondchen aufs Schiff.

Mir fiel ein großer Stein von meinem Kajiraherzen, dass sich meine Befürchtungen, die Frau könnte Nummer 90 an seiner Kette werden, zum Glück nicht bewahrheiteten. Kurz sah es nämlich so aus, als überlege mein Herr, nach der Nummer mit roten Haaren sich nun auch noch eine blonde Sklavin zuzulegen. Doch später stellte sich heraus, das arrogante, sehr von sich eingenommene Weib war die Gefährtin des Dorfjarls, mit dem der Kommandant von Belnend noch eine Rechnung offen hatte… sie war ohne Kragen vermutlich wertvoller.

Das Gewusel im Hafen von Enkara war groß, als wir mit sämtlichen Gefangenen das Schiff nach einer ereignislosen Reise verließen, bis schließlich einer der heimischen Krieger vorweg lief und uns den verwirrenden Weg zu den unterirdischen Verließen zeigte. Ich war übrigens nicht die Einzige, die sich Gedanken über den Rückweg machte, mein Herr brummte nämlich: „Hehe… hier kann man sich ja richtig verlaufen!“ Irgendwo schnappte ich noch ein paar Wortfetzen auf, Belnend sei überfallen worden, bekam Näheres darüber jedoch nicht mehr heraus, weil ich viel zu sehr damit beschäftigt war, meinen Gefangenen in einem der Kennel los zu werden.


Wieso sich der nicht mehr ohnmächtige belnendsche Krieger dann vor den Gitterstäben aufbaute und dem Nordmann zuflüsterte: „Sigurd, es wird dir nichts passieren“, erschloss sich mir auch nicht. Aber vielleicht habe ich sein Flüstern auch nicht richtig verstanden, die voller Wut gebrüllte Antwort dafür umso besser: "Ihr habt ein verdammtes Heer in den Norden geführt... das werde ich nicht vergessen, Janus. Das kannst du deinem Kommandanten ausrichten und auch, dass unsere Übereinkunft hinfällig ist. Sein Wort hat kein Gewicht mehr für mich!" 

Da dieser Gefangene eigentlich der des Brauereikriegers war, der inzwischen jedoch an der frischen Luft die Stellung hielt, sah ich mich schließlich als nicht mehr zuständig für den Nordmann an und gesellte mich zu meinem Herrn, der vor dem Nachbarkennel immer noch darüber rätselte, woher ihm das hinter Gittern befindliche Weib so bekannt vorkam. 

Leider zog sich das Gesülze mit seiner sich oberwichtig nehmenden Gefangenen noch eine ganze Weile hin. Müde wie ich war, ging das allerdings weitestgehend an mir vorbei, bis schließlich klar wurde, um wessen Weib es sich handelte und dass mein Herr sie seinerzeit in Belnend getroffen hatte, als er dort ohne mich auf dem Markt gewesen war. 


Puhhh, was war ich froh, als mein Herr danach ankündigte: „Arya, wir werden uns jetzt ein Zimmer für die Nacht suchen.“ Es wurde zwar nur eine ruhige Bank zum Schlafen, doch durfte ich mich an ihn kuscheln und schlief sofort ein. ;-)

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