Montag, 22. Mai 2017

Glückstag

Mein Herr hatte mich mit einer Aufgabe betraut, mit der ich mich ziemlich schwer tat. Ich musste den Entwurf für ein Schreiben anfertigen, das er als Grundlage für ein Gespräch nehmen wollte. Die Inhalte waren mir durchaus klar, da wir uns schon vor einiger Zeit darüber unterhalten hatten, doch ich bin nun mal keine Schreiberkajira und eine Schreiberin selbstverständlich auch nicht. Es ist eben ein Unterschied, mit meinem Herrn unter 4 Augen zu sprechen oder darüber ein Dokument zu verfassen. Sehr ungünstig kam noch die mir unerklärliche Anziehungskraft von Tinte auf mich hinzu, die merkwürdigerweise bei solch einer Tätigkeit immer wieder nicht nur den Weg auf meine Finger findet, sondern manchmal auch in meinen Mund.

Um dieses Phänomen zu umgehen, war ich logischerweise ganz besonders hochkonzentriert und bekam daher überhaupt nicht mit, dass mein Herr die Treppe hinauf kam. Mist, ich hatte zwar gerade meinen Entwurf fertig, doch erwischte er mich trotzdem quasi auf dem falschen Fuß. Nicht wegen seinem Schreibtisch, den ich für mein Werk ungefragt benutzt hatte, denn dagegen hatte er wohl nichts einzuwenden, sondern wegen der sich darunter türmenden, zerknüllten Fehlentwürfe. Außerdem hatte ich erst beim Verschließen des Tintenfasses bemerkt, welche Anziehungskraft sein Inhalt leider wieder gehabt hatte... meine Finger waren total verschmiert und wie ich um den Mund herum aussah, mochte ich mir lieber gar nicht erst vorstellen.

Offensichtlich hatte mein Herr mich eine Weile beobachtet, zu meiner Erleichterung schmunzelte er allerdings gutmütig: “Arya, du wirktest eben sehr konzentriert.“ Umgehend wanderten meine Finger hinter meinen Rücken, während ich vor ihm auf die Knie sank, denn wegen der Höhe des Schreibtisches hatte ich zuvor vornübergebeugt gestanden. In der Hoffnung, er würde die zerknüllten Papiere unter dem Tisch vielleicht nicht bemerken, versuchte ich mich möglichst günstig zu platzieren und setzte meine kein-Wässerchen-trüben-Oberunschuldsmiene auf. Zusätzlich beteuerte ich zur Ablenkung, dass noch ganz viel Tinte im Fass ist und streckte ihm den Entwurf entgegen. Tja, meine Idee war offensichtlich ziemlich dumm und ging leider nach hinten los… sie machte ihn nämlich hellhörig: „Was ist mit der Tinte Arya?“

„Und was liegt dort alles auf dem Boden?“ wollte er auch noch wissen, denn Kriegeraugen entgeht nun mal nichts. Während mein Herr nun meine Finger musterte, beteuerte ich schnell, wie viel Supermühe ich mir bei dieser oberschweren Aufgabe gegeben hatte. Danach las er ausgiebig brummend das Schreiben, was nichts Gutes verhieß, sodass ich mit wild klopfendem Herzen vor Spannung den Atem anhielt, bis sein Urteil auf mich nieder ging: “Arya, das mit der Abwesenheit wirst du netter formulieren… morgen komme ich eine überarbeitete Version!“ Args… was für ein Vulomist… warum erkannte er nicht, dass ich bereits oberfreundlich formuliert hatte! „Mein Herr, wie kann ich netter beschreiben, wenn jemand ständig entweder auf Reisen ist oder auf den Feldern oder in seinen Fellen!?“ 

„Arya, willst du etwa deine Probleme zu meinen machen?“ Das wollte ich natürlich nicht und versuchte es nun mit ganz besonders liebem Plinkern: „Nein mein Herr... aber wenn ich ratlos bin, darf ich doch bestimmt meinen schlauen Herrn um Rat fragen oder nicht?“ Puhhh, ich hatte anscheinend einen Glückstag… er formulierte nämlich „vorbildliches, intensives Kümmern, das viel Zeit in Anspruch nimmt“. Danach kam er leider erneut auf meine tintenverschmierten Finger zu sprechen und die unter dem Tisch liegenden, noch um Einiges schlechteren Varianten für „ständig abwesend“, ließ meine Erklärungen dazu jedoch gelten und befahl mir, mich zu reinigen und mir etwas Ordentliches anzuziehen.

So ganz klar waren mir seine Vorstellungen von etwas Ordentlichem zwar nicht, doch offensichtlich traf ich genau ins Schwarze… es war tatsächlich mein Glückstag! Nach meinem Geschmack trug ich zwar ein bisschen viel Stoff und der war auch nicht besonders fein, mein Herr brummte bei meinem bekleideten Anblick jedoch zufrieden: „Das ist mehr als gut, Arya… manchmal ist viel Stoff genau richtig, weil du dann mehr ausziehen kannst!“ Nachdem auch die Kontrolle meiner Hände trotz ausgiebigem hin und her Drehen keine Beanstandungen ergab, wurde ich wundervoll besitzergreifend Richtung Hafen auf ein Schiff gezogen, das dann sofort ablegte. 

Es ging nach Belnend… mein Herr wollte nach den Problemen des dortigen Kommandanten mit den Nordleuten mal nach ihm schauen. Oha, der Krieger war tatsächlich wohlbehalten zurück an seinem Heimstein und begrüßte uns sichtlich erfreut: „Tal und willkommen Hauptmann Kintradim!!! Tal auch Dina, Rote-Kasten-Sklavin.” Über diese Anrede mit meinem alten Namen, unter dem mich der Herr seit inzwischen unzähligen Märkten kennt, freute ich mich natürlich sehr... wie es sich gehört, genoss ich allerdings stumm und schaute mich um, denn die Bewohner tafelten auf dem Marktplatz.


Belnend hatte offensichtlich sehr gute Beute im Norden gemacht und nutzte das eingesackte Gold anscheinend gleich für den Umbau ihres Gasthauses, bevor es wieder geklaut werden konnte. Leider ging die Frage meines Herrn in der Vortstellungsrunde unter, ob mit dem Goldreichtum nun die ganze Stadt umgebaut werden soll. Viel wichtiger war allerdings auch zu hören, wie es dem belnendschen Kommandanten während seiner Gefangenschaft im Norden ergangen war: „Ja, ich kann sagen… nicht oft kommt es vor, dass ich denke, mein Ende sei gekommen. Nach einer gewissen Weile hätte ich keinen Kupfertarsk mehr auf mein Leben gewettet, sie machten wirklich ernst… aber dann kam das Südheer gerade noch zur rechten Zeit!“ 


Mein Herr interessierte sich logischerweise auch dafür, was aus seiner Gefangenen geworden ist, musste sich leider jedoch mit der Erklärung zufrieden geben, dass das Weib auf wundersame Weise aus dem Kennel von Enkara verschwunden war… sehr merkwürdig. Aber egal und viel interessanter als die Gefährtin irgendeines Dorfvorstehers fand ich den Optimismus des Kommandanten, der anscheinend glaubt, dass nun sicher eine Phase der Ruhe eintreten wird, nachdem der Norden das Südheer kennengelernt hat. Die Krieger stimmten übrigens alle mit meinem Herrn überein, jenes F-Dorf vorerst lieber zu meiden. 

Selbstverständlich tat ich so, als würde ich nicht zuhören. Außerdem war das Meiste eh ziemlich langweilig, da genoss ich lieber die sanften Berührungen meines Herrn, nachdem ich meinen Kopf auf sein Bein legen durfte… es war ja mein Glückstag, wäre ich ein Gianni gewesen, hätte ich bestimmt geschnurrt! ;-)

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