Dienstag, 2. Mai 2017

Racheaktion in Fensalir

Die Zweisamkeit mit meinem Herrn war leider viel zu schnell vorbei. Kaum war 89 nämlich mit dem Proviant eingetroffen, ging es aufs Schiff nach Belnend. Dort am Stadttor stand bereits ein kleiner Pulk Bewaffneter, darunter auch einige Kajirae. Einer der Krieger stellte gerade die Frage, worum es überhaupt ging und der belnendsche Kommandant erklärte: „Ich denke, wir wagen es nun… unser Ziel ist Fensalir. Dort am Hafen werden wir uns für einige Ehn ruhig verhalten und dann losstürmen. Wir sollten uns nicht großartig trennen. Ziel ist es, Gefangene zu machen.Die Sklavinnnen müssen möglichst das Fesseln übernehmen und ziehen dann mit ihnen hinter uns her.“

Der Kommandant nannte die Namen von zwei Personen, denen er besonders gerne habhaft werden wollte, hatte aber auch nichts dagegen, alle sonstigen von Interesse gefangen zu nehmen. Mein Herr erwähnte noch, wie schnell der Marktwert gefangener Nordleute sinkt, sollte es Fensalir gelingen Gefangene zu machen. Nachdem schließlich auch der jortssche Sattler eingetroffen war, bei dessen Ankunft der Kommandant erfreut ausrief, er sei das Zünglein an der Waage, denn nun gäbe es am Sieg wirklich keinen Zweifel mehr, ging es Richtung Hafen und kurz darauf hieß es „Leinen los!“. 


Nichts gegen den Sattler und alle anderen Bewaffneten, die keine Krieger waren, darunter übrigens auch etliche Frauen… doch anscheinend war nicht nur mir nicht so ganz wohl in meiner Haut. Ich hörte nämlich einen der Männer murmeln: "Hoffentlich nimmt das Unternehmen ein gutes Ende. Ich bin Händler und kein Haudrauf!" Zum Glück verlief die Reise zu diesem Kaff namens Fensalir irgendwo im Norden ohne Probleme und Zwischenfälle. Kaum dort angekommen legte unser Schiff allerdings sofort wieder ab und verschwand schnell um Dunst. 

Das Dorf wirkte ausgestorben, was aber auch täuschen konnte. Wie vom Kommandanten befohlen, harrten wir noch einen kleinen Momant am Anleger aus, während er einige letzte Anweisungen gab und vor allem darauf hinwies, dass viele Nordweiber bewaffnet sind, also höchste Vorsicht geboten ist. Alle waren aufs höchste angespannt, doch nach dem Hinweis einer der Kajirae wandelte sich zumindest kurzfristig die allgemeine Nervosität in Belustigung: „Da… seht euch das Plakat an! Pffftt, als könnten die hier lesen!!“ Das Lachen war noch nicht verklungen und Zeit zum Lesen blieb auch nicht mehr, denn nun brüllte der Kommandant: „Loooooos!!! AAAAnnngriiiifff!!!!!“


Die Kämpfer stürmten davon und wir Kajirae hinterher. Von irgendeiner Nordfrau hörte ich noch die Worte: "Ich glaube nicht, dass die zum Essen kommen." Danach gab es nur noch Kampfgetümmel, gebrüllte Befehle und aus allen Richtungen das Sirren abgeschossener Pfeile. Mich möglichst klein machend und neben den Häusern Deckung suchend, nutzte ich jede sich mir bietende Gelegenheit zu helfen, zu verbinden oder zu Boden gegangene Nordleute zu fesseln. Leider kam auch ich nicht schadlos davon und wachte mit brummendem Schädel ein paar Mal im Staub auf… keine Ahnung, was oder wer mich getroffen hatte. 

Außer einigen Schrammen und einer dicken Beule am Kopf passierte mir zum Glück nichts… allerdings machte ich mir große Sorgen um meinen Herrn, da ich ihn im Getümmel der Kämpfer sehr schnell aus den Augen verloren hatte. Ich erinnere nicht mehr, wie viele Nordmänner ich schon gefesselt hatte, als ich den Befehl einer Frau hörte: „Bringt die Gefangenen nach Belnend!“ Puhhh, es war wirklich ein hartes Stück Arbeit, aber irgendwie schaffte ich den zuletzt von mir mit Seilen verschnürten Kerl tatsächlich aufs Schiff… knapp, aber trotzdem gerade noch rechtzeitig vor dem Ablegen.

Wie gut, dass ich von den letzten Auseinandersetzungen Belnends mit dem Norden noch ungefähr wusste, wo sich einer der Stadtkennel befindet, weil Jorts Fähre seinen Bündnispartner seinerzeit unterstützt hatte. Am besten aber war, dass Ewa, eine der Kajirae aus Belnend dort ihren gefangenen Nordmann unterbrachte und für die Gittertür einen Schlüssel besaß. Andernfalls hätte ich mein verschnürtes Paket irgendwo festgebunden und eine Art Seilmumie aus ihm machen müssen, damit er nicht abhauen konnte. Der Kerl schlug übrigens vor, ich soll ihn losbinden und dann einfach so tun, als hätte ich ihn nicht gesehen… pffftttt.

Selbstverständlich fehlte auch empörtes Gemecker nicht… „nicht bei dem da… zu wenig Platz!“… „die Stricke könnte man abnehmen, wenn ich in so einem Gitterdings hocken muss!“ und noch diverse Nettigkeiten, die ich aber von mir abprallen ließ. Auch das durch die Gitterstäbe gereichte Wasser platschte ungetrunken zu Boden, als mein Nordmann breit grinsend versuchte mein Handgelenk zu packen. Tja, Pech gehabt… ich hatte damit gerechnet und nasse Füße waren bestimmt angenehm. "Man sieht sich in der Freiheit wieder, Sklavin… dann wirst du meine Stiefel schön putzen dürfen", drohte er mir, während ich ihn frech anlachte und schließlich meine Lippen zu einem Kussmund formte.

Die Getränkewünsche der beiden Männer erfüllten wir natürlich nicht, da ihr Luxusappartement nur mit Wasser gebucht worden war. Sämtliche sonstigen Getränkewünsche der beiden wurden übrigens von einer Söldnerin unterbrochen, die sich seufzend, mit abfällig verzogenem Mund über die magere Ausbeute äußerte: „Sind das alle? Kajirae, ihr solltet in naher Zukunft schauen, ob ihr Unrat heim segelt oder etwas Wertvolles.“ Na toll, was erlaubte sich das Weib?! Sie selbst hatte im Gegensatz zu Ewa und mir nämlich keinen Gefangenen nach Belnend gebracht! Naja, Besserwisserei von einer bewaffneten, sich wichtig tuenden Freien in Hosen, lässt eine schlaue Kajira einfach von sich abprallen.


Außerdem tauchte jetzt nicht nur der Sattler auf, sondern in der nächsten Ehn auch mein Herr… mir fiel ein riesengroßer Stein vom Herzen. Sehr schade war nur, dass ich in Fensalir nicht meinen Gefangenen gegen den des Sattlers ausgetauscht hatte. Im Nachhinein stellte sich nämlich heraus, dass es der Dorfjarl gewesen war, der leider kurz danach wieder befreit wurde, nachdem der Sattler ihn gefesselt am Anleger zurücklassen musste, weil ein Hilferuf ihn noch einmal zurück ins Kampfgeschehen holte. Na gut, hinterher ist man immer schlauer und auch Ewa hatte das genau wie ich nicht mitbekommen, während wir uns mit unseren Gefangenen schwer abrackerten, um sie irgendwie aufs Schiff nach Belnend zu bekommen.

Mein Herr gab das Zeichen zum Aufbruch, nachdem noch ein Krieger eintraf... der Ausgang der Aktion war jedoch weiter restlos unklar: „Wir reisen ab, für uns gibt es hier nichts mehr zu tun. Wenn der Kommandant Hilfe braucht, wird er sich schon melden.“ Sämtliche Geschehnisse wurden auf unserer Rückreise natürlich noch erörtert und sich ausgiebig über Weiber mit Waffen lustig gemacht. Während ich vor allem total froh war, dass alle aus Jorts Fähre den Angriff heil überstanden hatten, stand für meinen Herrn fest: „Kämpfen ist noch genauso nervig, wie ich es in Erinnerung hatte.“ 


Meine Musterung meiner Kratzer und vor allem, dass ich die Beule an meinem Kopf vorsichtig betastete, entging meinem besorgten Herrn zwar nicht, doch eine grüne Behandlung mit der von ihm vorgeschlagenen Schutz-vor-Nordleute-Spritze konnte ich zum Glück verhindern. Das kühlende, feuchte Tuch war in der Nacht wirklich angenehm auf meinem pochenden Kopf und ganz besonders, dass ich normal liegen durfte. „Damit dir nicht schwindelig oder so wird...“, meinte mein Herr, während er das nasse Ding mit einem zweiten Tuch an meinem Kopf fixierte und breit grinsend unter meinem Kinn verknotete: „Das steht dir Arya!“ Hmmm…ehrlich gesagt fand ich das nicht, daher war es gut, dass es nachts dunkel ist und ich diese Konstruktion am nächsten Morgen abnehmen durfte. ;-)

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