Donnerstag, 4. Mai 2017

Selbstverständlich kein Tee!

Die Beule an meinem Kopf war am nächsten Tag deutlich besser und eine grüne Untersuchung wirklich nicht mehr erforderlich. Nachdem mein Herr aufgebrochen war, um mit dem Brauereikrieger ein paar zusätzliche Trainingsrunden Schwertkampf zu absolvieren, lief ich zum Kriegerhaus, um dem Sattler wie befohlen Ersatz für seine Waffen zu bringen, die ihm im Kampf in Fensalir abgenommenen worden waren. Da auf mein Klopfen niemand öffnete, deponierte ich Schwert, Bogen und Pfeile einfach neben seiner Haustür und lief dann weiter zur Wiese, um noch bis zum Ende des Trainings den beiden Männern zuzuschauen.

„Arya, du bekommst eine Spezialaufgabe“, eröffnete mein Herr mir schließlich und berichtete, dass Kafal in dieser Hand mittrainieren will. Aha, ja und die Aufgabe? Er machte es spannend, doch letztendlich bekam ich heraus, es sollen nach dem Waffentraining nicht nur Flüssigkeitsdefizite ausgeglichen, sondern auch die Mägen mit Essbarem gefüllt werden. Da mit der Wirtin eigentlich nie zu rechnen ist und auch auf die Lebensmittellieferungen des Hofes kein Verlass, kam mir der rechtzeitige Hinweis sehr gelegen und meine Gedanken begannen sofort um die Vorbereitungen zu kreisen: „Gut wäre, wenn heute noch ein paar Vulos dran glauben könnten, mein Herr.“

„Da hörst du es, gleich gibt es wieder Arbeit für uns“, grinste mein Herr den Brauereikrieger an. Beide Männer zogen ihre Bögen, während ich mit Berserkergebrüll zum Nest am Rand der Wiese sauste, um die Flatterviecher aufzuscheuchen, sodass unter ihnen eine mittelprächtige Panik ausbrach. Während die Vulos in alle Richtungen auseinander flogen, schmiss ich mich platt auf den Boden und blieb dort liegen, damit ich nicht in der Wolke aus Federn versehentlich einen Pfeil abbekam, bis mein Herr schließlich brüllte: „ARYA… DAS SIND GENUG!!!“ Ohja, die beiden Krieger hatten wirklich viele erlegt. Nur knapp konnte ich alle gerade noch tragen und brachte sie gleich nach Hause, damit 89 schon mal mit dem Rupfen und Ausnehmen anfangen konnte.


Anschließend war natürlich Kalana und Ale vor der Hafentaverne angesagt und der Brauer erkundigte sich, ob die rotkastige Freie tatsächlich wieder als Zeugmeisterin im Dienst der Stadt tätig ist. Hauptthema nach dem Eintreffen des Sattlers war aber natürlich die Aktion in Fensalir, bei der uns zum Glück außer einigen blauen Flecken und der Beule an meinem Kopf nichts weiter passiert war. Nun stellte sich auch heraus, warum als einziger aus Jorts Fähre nur der Sattler so heldenhaft gekämpft hatte… mein Herr war nämlich gleich beim ersten Sturm zu Boden gegangen und hatte sich total benommen zurück aufs Schiff geschleppt.

Auch mit dem Brauereikrieger hatten die Priesterkönige anderes als Kämpfen im Sinn gehabt, da sie seinen Bosk Klaus-Bärbel seinen Wagen bis über die Achsnaben in ein Schlammloch ziehen ließen, sodass er festsaß. Schade, schade… das wäre mit einer vorweg laufenden Sklavin vermutlich nicht passiert. Tja, wer im Schlammloch sitzt, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Natürlich erübrigte es sich darüber zu spekulieren, ob Belnend vielleicht keine erneute Schlappe gegen den Norden eingesteckt hätte, wenn eine größere Anzahl Krieger aus Jorts Fähre dabei gewesen wären. 

Der Ausgang dieser Racheaktion war mir übrigens nicht so ganz klar, aber es geht mich auch nichts an wieviele Gefangene Belnend oder Fensalir nach unserer Abreise noch gemacht hatten. Trotzdem platzte ich immer noch fast vor Stolz, dass es mir gelungen war, einen Nordmann nach Belnend zu verfrachten. Natürlich war jetzt auch der richtige Zeitpunkt, um im Nachhinein ein paar Dinge zu besprechen, die man hätte besser machen können, denn hinterher ist man immer schlauer. Darüber verging die Zeit wie im Flug und den Brauer riefen schließlich nicht nur seine Kessel, sondern auch seine Felle brauchten Zuwendung.


Der von ihm angewärmte Stuhl wurde jedoch nicht kalt, da der Sattler den Platz wechselte, als kurze Zeit später die Zeugmeisterin auftauchte und sich erkundigte, ob die Herren in Laune für Ergebnisse sind. Es war ihr nämlich gelungen, den Kommandanten von Belnend, den Prätor aus Lydius und den Administrator von Enkara für diese Hand einzuladen. Kafal war leider ausgestorben gewesen, allerdings hatten sich die Dörfler zum Waffentraining angekündigt… vielleicht nahm der redegewandte Dorfoberste es ja gelassen, dass er unter falschen Voraussetzungen kommt und aus demTraining eine Versammlung wird?

Mist, warum nur hatte die Frau die Versammlung derart kurzfristig angesetzt und mit so extrem frühem Beginn? Wie gut, dass ich mit meinen weichen Knien bereits kniete… ich stand vor sämtlichen Vorbereitungen nämlich alleine, wie sich bei der Frage der Zeugmeisterin herausstellte: „Hauptmann, hat deine Gefährtin eigentlich die Planungen für das Bankett angeleiert?“ Mein Herr verneinte… er habe mich beauftragt, da sein Weib wegen was auch immer nicht abkömmlich ist. Na toll… von dem konkreten Termin wusste ich doch gerade jetzt erst, zog es im Gegensatz zu der echauffierten Frau aber vor, lieber meinen Mund zu halten: „Wiebitte Hauptmann, du überlässt die Organisation deiner Sklavin?!“

„Die Vulos haben wir schon erlegt und wenn Arya sich nicht ordentlich kümmert, zieh ich ihr die Ohren lang“, damit war für meinen Herrn das Thema erledigt. Der Zeugmeisterin mal ordentlich auf die Füße zu treten, warum sie eine dermaßen kurzfristige Einladung für so einen wichtigen Termin ausspricht, dafür sah er keine Veranlassung. „Arya, du wirst dich morgen bei mir melden und wir werden sehen, was noch zu retten ist“, befahl das Weib mir und ergänzte mit zuckersüßem Tonfall: „Aber ich warne dich vor, du wirst mich kennenlernen, wenn nicht alles reibungslos läuft… und ich ziehe nicht nur die Ohren lang, ich benutze auch die Kurt, dass wir uns da gleich verstehen!“

Es kam der Tag der Versammlung und damit wurde es richtig schlimm für mich… ich war tatsächlich die einzige Kajira und hatte das Ganze. Immerhin brannte das Essen nicht an, war auch pünktlich fertig und auf dem großen Tisch im Ratssaal standen Getränke und Früchteteller… nicht Tee und Wasser, wie von der besserwisserischen Zeugmeisterin meinem Herrn angedroht. Warum sie ihn damit unter Druck setzen wollte, erinnere ich nicht mehr, denn mein Herr lässt sich von einer Frau nichts vorschreiben. Außerdem hätte die Wichtigtuerin den Tee selbst kochen müssen… ihre Kurt hin oder her, ich hätte niemals zugelassen, dass mein Herr zum Gespött wird, weil er den Befehlshabern der wichtigsten Städte des Südens Tee anbietet!


Leider waren die beiden Gasthaustische noch nicht komplett fertig eingedeckt, als die Eingeladenen bereits von der Fähre strömten… alle Besprechungsteilnehmer mit meinem Herrn in den Ratssaal und sämtliche Dorfbewohner aus Kafal ins Gasthaus. Zum Glück hatte der Musikant seine hilfsbereite Kajira dabei. Sie half fleißig beim Bedienen, während ich noch Becher, Kelche und Krüge mit Getränken heran schleppte. Todmüde und gefühlt kurz vor dem Umfallen, da ich in Sachen Vorbereitungen den ganzen Tag auf den Beinen gewesen war, deckte ich zuletzt noch den zweiten Tisch auf der Terrasse für die Versammlungsteilnehmer, die nach ihrer langen Besprechung bestimmt hungrig sein würden. 

Von der Zeugmeisterin war übrigens nicht mal ein Rockzipfel zu sehen, also keine Spur von ihrem „wir kümmern uns“. Allerdings hatte sie sich am Vortag wie angekündigt tatsächlich davon überzeugt, dass ich alles auf einen guten Weg brachte und ich denke, den Landsitzkrieger wird es freuen, dass das Weib nicht schon wieder von seinem weißen Kalana trank. Ich war jedenfalls froh, von dieser mit Vorsicht zu genießenden Frau nicht wieder angeblubbert zu werden, weil ich ihr den Wein im gleichen Mischungsverhältnis mit 1/3 Wasser wie für den Krieger serviert hatte.


Ich denke es ist verständlich, dass ich bei dem auf der Gasthausterrasse herrschenden Stimmengewirr nicht mitbekam, worüber sich die vielen Freien am Tisch unterhielten und was im Ratssaal besprochen wurde, entging mir ja leider sowieso. Schön war jedoch, dass allen Anwesenden das Essen offensichtlich schmeckte und sie ordentlich zulangten. Ganz besonders schön war für mich aber, dass ich den Rücken des Brauereikriegers stützen und mich eng an ihn schmiegen durfte. Der Ärmste hatte nämlich ein arg durchgesessenes Sitzkissen erwischt und deswegen einen gefährlichen Hang, hinten über zu kippen. :-)

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