Dienstag, 20. Juni 2017

Das Übliche

...oder auch nicht.

„Arya, wir machen einen Spaziergang… bleib wie du bist.“ Damit legte mein Herr fest, dass ich nichts anziehen sollte, was wegen der herrlich warmen Wetters auch wirklich überflüssig war. Da vor der Taverne niemand saß, ging es an diesem Tag weiter ins Gasthaus, denn ob er dort oder am Hafen das Übliche trinkt, ist eher zweitrangig. Auf meine Frage, ob Paga oder Kalana gewünscht war, kam brummend jedoch nur: „Hmm… hmm… das Übliche.“ Leider klärte meine Bestätigung „ja mein Herr… also Paga im Gasthaus“ doch nicht so ganz seinen Getränkewunsch. „Hmm… das Übliche… hmm… vielleicht auch das Unübliche… ist bei dem warmen Wetter wohl besser?“ Ich bot ihm darauf natürlich ein Wasser an, doch das wurde abgelehnt: „Nein, nicht so unüblich!“

„Huch, wir haben Besuch… TAL! Na, wieder in der Stadt?“ brüllte mein Herr über die Mauer der Gasthausterrasse, wo ein weiß Gekleideter saß. Sämtliche Getränkeüberlegungen waren damit endgültig beendet, zumal sich in diesem Moment auch der Brauereikrieger dazu gesellte. Ich beschloss einfach, dass für meinen Herrn das Übliche wie immer Paga war und der Brauer trinkt sowieso grundsätzlich nur Ale, sodass ich mich zu dem Fremden kniete, um mich nach seinem Getränkewunsch zu erkundigen. Leider passierte mir dabei mein erster Fehler… ich erkannte nicht, welcher Kaste dieser mir unbekannte Besucher angehörte und kniete wie vor einem Mann üblich, mit geöffneten Schenkeln vor ihm.

Nach seiner Bestellung „…nur ein Wasser für mich“ flitzte ich sofort Richtung Gasthausküche davon, hörte aber noch, wie der Besucher sich erkundigte, ob ich ausgebildet bin. Erst verstand ich diese Frage nicht und mein Herr anscheinend auch nicht, doch dann ging mir auf, dass es sich um einen Wissenden handelte… der Herr trug nämlich nicht nur die traditionell weißen Roben der Mitglieder dieser höchsten Kaste, sondern hatte sich auch den Schädel kahl geschoren. Immerhin wusste ich, dass die Eingeweihten es nicht mit dem weiblichen Geschlecht haben, denn ihnen ist nicht nur Sex mit Sklavinnen verwehrt, sie dürfen Frauen nicht mal berühren und umgekehrt natürlich auch nicht.

„Wasser soll ja gesund sein, hehe… aber ich bevorzuge etwas Stärkeres“, hatte mein Herr den Getränkewunsch des hohen Besuchers zuvor gerade noch kommentiert, doch als ich ihm dann seinen Paga servierte, brummte er wenig begeistert: „Hmm… Paga? Arya, ich dachte, ich bekomme Kalana?“ Tja, das Übliche war in diesem Fall nicht das Übliche wie sonst, wenn er nicht eingeladen ist und Paga anscheinend nicht stark genug. Allerdings nahm er mir den Becher dann doch noch ab… natürlich mit sehr finsterem Blick. Hach, echt schön war dagegen das Lächeln des Brauers zu sehen, als ich ihm sein geliebtes Ale reichte. Leider verpuffte meine Freude jedoch schnell, als der Wissende sein Wasser bekommen sollte.

Ich kniete nun zwar mit züchtig geschlossenen Schenkeln neben ihm nieder und deutete ehrfürchtig auch nur sowas wie den Hauch eines Kusses auf den unteren Rand des Bechers an, bevor ich meinen Blick senkte und dem hohen Herrn meine Hände mit dem Wasserbecher entgegen streckte, begleitet von einem freundlichen Wunsch… leider war das Fehler Nummer 2. Der Wissende weigerte sich nämlich, mir das Getränk abzunehmen: „Du musst lernen, Kleine… nimm einen neuen Becher und berühre ihn nur mit einem Reptuch. Du bist unrein und ein Kuss ist einer Beleidigung gleich.“ Oha… ich war doch nicht schmutzig!

Mein schmunzelnder Herr fand das offensichtlich lustig, denn er prostete nun dem Brauer zu: „Ich glaube, bei unserem Gast dauert es noch etwas… Ta Sardar Gor!“ Doch ich senkte erstaunt meine Arme und beging noch einen Fehler: „Wie bitte, Herr? Ich wasche mich regelmäßig und der Kuss war nur angedeutet.“ „Arya, mach was der Wissende gesagt hat, sonst brumm ich!“ herrschte mein Herr mich an, sodass ich nun zusah, diesen Wunsch zu erfüllen. Bei meiner Rückkehr aus der Gasthausküche erzählte mein Herr dem Weißen gerade, dass in Jorts Fähre selten Mitglieder dieser Kaste zu Besuch sind und er daher bislang angenommen hatte, mir zu erklären, wie man Mitglieder dieser Kaste zu bedienen hat, sei nicht nötig.

Ich hatte den Becher übrigens nicht nur wie gewünscht umwickelt, sondern zusätzlich transportierte ich ihn auf einem Tablett, das ich dem Gast mit großem Abstand nieder kniend entgegen streckte, damit er sich sein Getränk ohne zusätzliche Berührung meiner weiblichen Hände nehmen konnte. „Ist es dir genehm, Herr, wenn ich dir dein Wasser so reiche? Das Tablett habe ich nur außen angefasst“, erkundigte ich mich höflich, doch das war nicht genehm: „Stell den Becher bitte hin… ich sehe, ich mache dir Angst… bitte deinen Herrn um Unterrichtung.“ Artig bedankte ich mich und beeilte mich, zurück zu meinem Herrn zu kommen… diesmal kniete ich allerdings in Deckung hinter ihm.


Mein Herr war etwas ratlos, bei wem er mir Unterricht erteilen lassen sollte, wenn nicht bei einem Eingeweihten. Doch dieser Wissende zierte sich, Mitglieder seiner Kaste hätten anderes zu tun, als Sklaven zu schulen. Letztendlich lenkte er dann aber ein: „Sagen wir so grob als Erziehung… Frauen sind unrein… Berührungen und Körperkontakt sind zu unterbinden… am besten Handschuhe nehmen oder halt ein Reptuch. Nacktheit ist ein Übel, mit dem wir leben müssen, aber ein wenig Stoff wäre besser…“ Als sich das Gespräch schließlich anderen Dingen zuwandte, war der Paga ausgetrunken und es gelüstete meinen Herrn nach einem Kalana, um den ich mich selbstverständlich umgehend kümmerte.

Nach meinem Mini-Serve ging ich lieber erneut in Deckung hinter ihm, während der Wissende lobte: „Servieren kann die Kleine.“ „Ja“, bestätigte mein Herr, „aber normal macht sie das besser. Ich glaube, du machst sie nervös.“ Oh ja, und wie! Entsprechend froh war ich, dass sich dieser erlauchte Gast bald auf sein Zimmer zurückzog. Danach war endlich der richtige Zeitpunkt gekommen, mich bei meinem Herrn zu entschuldigen und ihm zu erzählen, dass ich zuvor noch nie ein Mitglied dieser Kaste bedient hatte. 

„Nun Arya… du hast dazu gelernt. Ein Wissender ist in der höchsten Kaste… wenn der dir etwas sagt, dann gehorchst du und widersprichst nicht. Das gefällt mir nämlich nicht!“ Selbstverständlich werde ich mich bemühen, meine Fehler nicht zu wiederholen!

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