Donnerstag, 1. Juni 2017

Nordisch Anständiges

„Arya was steht heute an?“ erkundigte sich mein Herr. Obwohl ich mir ziemlich sicher war, dass er die Einladung nicht vergessen hatte und nur mein Gedächtnis kontrollieren wollte, erinnerte ich ihn selbstverständlich an das Training in Enkara. Da ich alles Nötige und vor allem auch ein bisschen Reiseproviant bereits eingepackt hatte, brauchte ich mir nur noch meine Kleidung überzustreifen, während mein Herr seine Waffen anlegte. Draußen vor der Tür musterte er mich allerdings noch einmal sehr gründlich und fragte: „Arya, hast du alles? Was ist mit dem kleinen Messer zum Durchschneiden von Seilen, hast du das mit?“ Es sollte bei dem Training nämlich vorrangig ums Fesseln gehen.

Natürlich hatte ich das Messer nicht vergessen, fummelte es heraus und zeigte es meinem Herrn… ich hatte es doch von ihm vor etlichen Märkten bekommen! „Wenn du es verlierst, Arya, gebe ich dir etwas anderes!“ Während mir über „etwas anderes“ einige ungute Vorahnungen keimten, die ich lieber nicht genauer wissen wollte und daher auch nicht weiter hinterfragte, sondern stattdessen das Messer sehr sorgfältig wieder verstaute, stampfte mein Herr Richtung Hafen davon. Dort schloss er erneut eine Kette an meinen Kragen und zog mich an Bord des Schiffes, das dann nur wenige Ehn später auch sofort ablegte.

Nach dem Geschmack meines Herrn war es unterwegs zwar etwas windig, ansonsten verlief die Reise aber ohne Zwischenfälle oder rückwärts essen… Wasser und Wellen liegen ihm ja nicht so. Die Fesselübungen in Enkara waren nichts wirklich Neues für mich, trotzdem aber sehr hilfreich. Nicht behagte mir allerdings, meinen gefesselten Herrn an die Leine zu nehmen… das andere Ende liegt mir einfach besser. „So, so… das gefiel dir nicht? Das soll ich dir glauben, Arya?“ brummte er ungläubig bei meinem Geständnis auf der Heimreise und packte gleichzeitig meinen Kragen, um seine Leine daran zu befestigen. „So ist es viel schöner mein Herr!“ machte ich meiner Freude Luft und wurde mit seinem breiten Grinsen belohnt. „Ja, das finde ich auch, Arya… je kürzer die Leine, desto besser!“

Zuhause wohlbehalten angekommen, stand meinem Herrn und dem Brauereikrieger erst mal der Sinn nach ein paar kriegerischen Schlucken jortsscher Brauereierzeugnisse… reisen macht natürlich Durst auf Paga und Ale. Sein Stehgetränk schließlich in der Hand, fehlte meinem Herrn nach einem ersten tiefen Schluck Paga nur noch der nackte Anblick seines Eigentums, er brummte nämlich: „Arya, zieh dich aus!“ Rotseidenes Bezirzen und damit verbundenes Hinauszögern war beim Ausziehen allerdings nicht erwünscht, da er gleichzeitig an meinem Kleidungsstück zog, sodass sich der Knoten öffnete und es von ganz alleine nach unten rutschte. Ich musste nur noch mit einem eleganten Schritt über den Ring aus rotem Stoff steigen.

Erneut brachte der Brauereikrieger zum Ausdruck, wie skeptisch er „das Gedöns mit dem Südheer“ sieht. Er wird sich jedenfalls nicht zum Vasall von wem auch immer machen, der glaubt, sich zum Häuptling aufschwingen zu können. Mein Herr sieht es ähnlich, allerdings nicht ganz so pessimistisch, denn er ist überzeugt, dass der Süden langfristig siegen wird. 

Nebenbei informierte er den Brauer über sein Vorhaben, mit dem Hofbesitzer über kämpfende Frauen in Jorts Fähre zu sprechen. Dazu meinte der schöne Rothaarige nur lachend: „Meinst du, der stimmt zu?? Eher läuft er ohne Helm herum!“ Während ich darüber nachdachte, dass das hässliche Blechding auf dem Kopf des Bauern vermutlich angewachsen ist, erwiderte mein Herr grinsend: „Nun ja… ich frage ihn nicht wirklich.“

Danach fiel ihm ein, dass irgendwo im Norden demnächst ein Thing stattfinden soll. Leider sind solche Veranstaltungen meistens jedoch ziemlich überlaufen und Nordleute bleiben dort logischerweise auch nicht aus. 

Angepasste Kleidung wäre sicher nicht verkehrt, falls mein Herr sich zum Besuch dieses Things entschließen sollte und danach sieht es aus. Er spekulierte nämlich schon über die Bewirtung „…die Nordleute essen sicher sehr gut“ und befahl mir: „Arya, du wirst mir etwas schneidern und für dich auch. Es ist sicher besser, wenn man dort nicht in Rot auftaucht, um als Südler nicht so aufzufallen.“ Hoffentlich erwische ich demnächst einen reisenden Händler, der einen geeigneten Stoff dabei hat. 

Mist ist leider, ich bekam nicht heraus, was mein Herr sich unter nordisch, anständiger Tarnkleidung vorstellt. „Arya, stell nicht so schwere Fragen… ich will gut aussehen und nördlich. Streng dich also an, denn sonst muss ich dir zeigen, wer hier das Sagen hat!“ Auf Letzteres bin ich ehrlich gesagt nicht erpicht. Wobei er seinen gut gebauten Oberkörper wirklich sehen lassen kann… Nordler lieben doch oben nackt zu sein, die muskulöse Brust bestenfalls bedeckt mit gekreuzten Ledergurten für jede Menge Messer. Als Ausgleich dafür tragen sie bevorzugt lange Hosen und dicke, klobige Stiefel. „SO lauf ich nicht herum… näh mir etwas Anständiges, sonst brumm ich, Arya.“ Puhhh… das wird schwer!

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